Langweilig.

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Auf der Suche..

Nach Begeisterung, nach Abwechslung, einem Hobby. Was will ich eigentlich machen im Leben?

Nicht in Zukunft oder in alle Zeiten, nicht beruflich, oder gesellschaftlich, nein – hier geht’s um mich. Wie möchte ich meine Freizeit verbringen?

Was kann ich machen, fernab der Arbeit, dem Studium, dem Freundeskreis. Was kann ich nur für mich machen, was mich wirklich bereichert, beschäftigt, bespaßt, mir einen Ausgleich gibt, meinem Kopf, meinen Gedanken eine Heimat gibt.

Diese Suche ist mir an so vielen Punkten meines Lebens zum Problem geworden. Viele Leute, die ebenfalls mit einer gewissen Art von Andersartigkeit kämpfen können bestimmt mit mir fühlen:

Ein Hobby, das kann so kontrovers sein, wie eine Religion, eine Meinung, eine Lebensart. Diese Gesellschaft, die sonst gegenüber allem so offen ist, sei es Sex, Politik, Kunst oder Selbstdarstellung im Internet scheint mir immer so erschreckend festgefahren, wenn es um so etwas alltägliches und scheinbar normales geht wie ein Hobby.

Interessen, Wünsche, Träume, Erfolg – das folgt strengen Konventionen.

Von der Schulzeit bis ins junge Erwachsenenalter verfolgte mich dieses Problem.

Sport zum Beispiel, muss jeder machen. Gerade zu Schulzeiten musste jeder in irgendeinem Sport Verein angemeldet sein. Immer mit dem Streben nach Exzellenz gepaart. Jeden zweiten Tag Training, den Idolen hinterher eifernd, den Blick immer links und rechts ob man vielleicht noch ein bisschen besser sein kann als der Nebenmann. Für mich war das nie was. Ich tanzte viele Jahre Ballett, entwickelte aber nie den Ehrgeiz wirkliche Opfer für den Sport zu bringen. Mit 13 im engen Body rumtanzen? Wollte ich gar nicht, zu streng, zu verpflichtend.

Ich hasse Sport, bis heute. Klar, ab und zu mal joggen gehen ist gesund, macht den Kopf frei. Aber mich jeden Abend ins Fitnessstudio schleppen? Will ich gar nicht, mach ich nicht. Und immer wieder die Frage: „Wie du machst keinen Sport?“

Musik hingegen war mehr meine Sache. Mit 8 habe ich angefangen ein Instrument zu lernen. Das hat mir zwar Spaß bereitet auf lange Sicht fehlte mir aber das Talent um weiter am Ball bleiben zu können. Im Schulorchester zweite Geige spielen? Für mich ok. Ich gehört irgendwo dazu, die Musik beschäftige mich, sie fesselte mich und füllte meinen Kopf mit Gedanken.

Sie gab mir eine Aufgabe ohne mich zu überfordern. Das entwickelte sich dann aber mehr zu einer Lebensart als zu einem Hobby. Musik, mein ständiger Wegbegleiter, etwas was immer bleibt. Wenn ich eine Sache über die Zukunft sicher sagen kann, dann dass da immer Musik sein wird. Großartige Künstler, die mir Gänsehaut auf den Rücken zaubern, tränen in die Auge, Euphorie ins Herz.

Darf ich dann denn sagen, Musik ist mein Hobby, auch wenn ich kein Interesse daran habe im Orchestergraben zu sitzen, hinter dem Mikro oder dem Mischpult zu stehen? Musik hören ist mein Hobby! Aber das zählt ja garnicht.

Lesen. Das zeichnet einen intelligenten Menschen aus. Er verschlingt ein Buch nach dem anderen. Bis zum Morgengrauen versinkt er in aufregenden Geschichten über allerlei Dinge, saugt Wort für Wort in sich auf. Hinterher, kann man sich dann mit seinen schlauen Buchfreunden über das Gelesene austauschen. Am Besten, man nimmt sich erst die schweren Wälzer, die dicken Schinken, die Klassiker und intellektuellen Schriften vor, später dann die leichte Kost, nur mal so zum Spaß. Fifty Shades of Grey? Ist das überhaupt ein Buch, so schlecht wie das geschrieben ist?

Auch dieses Bild der Freizeitbeschäftigung entpuppte sich in meinem Leben als Mythos. Klar lese ich gerne. Ich höre gerne Geschichten, ich beschäftige mich gerne mit Ideen, mit Visionen und dem Erlebten anderer Menschen. Manchmal gibt’s das dann einfach in schriftlicher Form. Am liebsten lese ich Zeitschriften. Die sind mir vom Format her am liebsten. Kurze Storys, wunderbar auf den Punkt gebracht. Sie sind durchdacht, jeder Satz ist hier so gewählt, dass er am wirksamsten ist. Ich ertappe mich oft dabei, für Bücher einfach zu ungeduldig zu sein, ich blättere dann ein bisschen weiter, lese schon mal was als nächstes passieren wird. Die Schönheit der Sprache? Sicherlich ist die da, aber sie bleibt mir nicht so in Erinnerung wie der Inhalt. Eine gute Reportage ist wie eine Saat in meinem Kopf. Auch wenn ich das Magazin schon lange weggelegt habe, irgendwann fängt dort etwas zu Wachsen an.

Aber wer bin ich schon, Magazine-Leser. „Schon mal ein Buch ohne Bilder in die Hand genommen? Dann weißt du, was Literatur ist. Magazine, die les‘ ich auch – beim Arzt.“

Wenn die Schulzeit erst mal überstanden ist, ändert sich diese Thematik wieder. Sowohl für die Angepassten, als auch für jene die nie ihre Nische gefunden haben. Für die einen bricht oft der Rahmen weg. Jetzt gibt es keinen Schulchor, keinen Sportverein ums Eck mehr. Findet man da was Neues – super, aber viele bleiben bestimmt auch einfach zu Hause. Kein Geld, keine Zeit, keine Lust. Mal ein gutes Buch in die Hand nehmen, einen Film gucken. Erfüllt das den Zweck eines Hobbys, kann es mir das geben, was mir fehlt?

Was ich abends mit meiner Freizeit mache, das ist ja meine Sache. Ob das andere nun als Ernst zunehmendes Hobby ansehen oder nicht, das kann mir doch egal sein, wenn es mich glücklich macht, ist doch ausreichend.

Doch leider musste ich auch hier immer wieder Einsicht entwickeln, dass das auch nur die halbe Miete ist.

Wenn das echte Leben erst mal beginnt, taucht man plötzlich in Thematiken ein, die einfach alles bestimmen. Der Job oder das Studium, das ist oft sehr spezifisch. Tag ein Tag aus die selbe Materie, bis zum erbrechen. Ich liebe meinen Job zwar, aber manchmal will man diese Thematiken einfach nicht mit nach Hause nehmen, sich mit etwas völlig anderem beschäftigen, die Gedanken in neue Richtungen lenken. Aber nicht nur das. Auch hier will man plötzlich eine Struktur, eine echte Beschäftigung. Eine Verpflichtung sich selbst gegenüber.

Man will nicht immer nur im seichten Wasser herum tümpeln, sondern sich verbessern, sich austauschen, sich auf eine neue Art Verwirklichen, schwimmen lernen.

Doch die Realität hat mich da immer wieder in die Schranken gewiesen. Etwas neues anzufangen, das stößt bei so vielen Menschen auf Unbehagen, auf Unverständnis. Dabei ist gar nicht die Selbstdarstellung das Problem, schließlich machen wir das jeden Tag. Wir werden dazu animiert alles zu teilen, was wir so machen: Neues Lied bei Spotify entdeckt? Poste das doch mal. Facebook fragt, wie es dir so geht, schreib doch mal ein paar Zeilen. Leckeres Abendessen gezaubert? Ab damit zu Instagram, vielleicht gibt’s ja ein paar Likes. Dinge, die jeder tut und – was noch wichtiger ist, die auch jeder tun kann. Dazu bedarf es kein Talent, oder Ehrgeiz. Kein Fleiß oder Mut.

Interessant wird es, wenn du etwas tust was nicht jeder tut und auch nicht jeder tun kann. Dann ist das plötzlich ein Gesprächsthema. Grundlos. Jeder kann etwas Außergewöhnliches, oder Originelles. Aber damit soll man seine Umwelt nicht konfrontieren und vor allem nicht das Internet. Denn da tummeln sich all Diejenigen, die sich dann in ihrer Passivität überrumpelt fühlen.

Klar sagen die Leute dir, „mega cool, dass du deine selbst geschriebenen Gedichte bei Blogspot hoch lädst.“ „Super, dass du jetzt auf deinem Youtube Kanal singst“, seltsam beäugt fühlt man sich aber schon. „Ist das Internet jetzt dein Hobby? Warum machst du das? Was erhoffst du dir davon? Glaubst das macht dich jetzt super berühmt und erfolgreich?“

Die Frager dieser Welt, die nicht verstehen wollen, was doch so einfach zu verstehen ist.

Wenn du etwas findest, wenn du etwas erlebst oder siehst, was dich wirklich tief in deinem Herzen so richtig begeistert, dann musst du das einfach machen. Das ist wie verliebt sein. Auf einmal springst du auf einen Zug auf der dich immer weiter und weiter trägt in Welten die für dich perfekt sind. Man wird süchtig nach diesem Gefühl. Man geht wieder und wieder auf die Suche. Um zu lernen, dass man nicht an Konventionen scheitern darf.

Ich will nicht das Tor zum Sieg schießen, ich will nicht den Applaus für mein erstes Solo hören. Aber ich will auch nicht zu Hause sitzen und so tun als hätte ich kein Hobby.

Denn, wenn es dich nicht wirklich begeistert, warum machst du es denn überhaupt? Oder, viel schlimmer – warum lässt du es sein, obwohl es dich begeistert?

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3 Kommentare zu „Langweilig.

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