Wir haben unser Zuhause weggegeben

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Life is a journey. Aber, Zuhause ist es immer noch am schönsten.

Der Geburtsort, das Elternhaus, der Familiensitz. Aus irgendeinem Grund sind das jene unantastbaren Werte, die noch vom Kleinbürgertum übriggeblieben sind. Wenn man erst mal mit der Schule fertig ist, klar geht man da in die Welt hinaus. Neue Leute, neues Leben, neue Orte. Aber die Eltern mögen doch bitte an Ort und Stelle bleiben und das Kinderzimmer hüten, was sich erst im Laufe des nächsten Jahrzehnts leeren wird. Denn das ist deine Heimat und hierher zurück zu kommen ist immer wieder schön. Hier kommst du her, hier bist du groß geworden. In dieser Straße hast du das Fahrradfahren gelernt, in diesem Garten deine Geburtstage gefeiert, an diesem Esstisch saßen du und deine Freunde und haben Trinkspiele gespielt, wenn deine Eltern im Urlaub waren. In dieser Auffahrt hast du dein erstes Auto geparkt und in diesem Bett hattest du deinen ersten Sex. In deinem Elternhaus habt ihr gestritten und gelacht, deine Eltern sind hier von deinen Helden, zu deinen Aufpassern, zu deinen Eltern geworden. Aber all das ist auch mal vorbei. Auszuziehen, war doch super. Warum kommst du immer wieder zurück in dem Glauben, dass dies dein Zuhause ist? Warum denkst du, dass du hier verwurzelt bist, dass du von hier aus dein Leben lebst?

Letztes Jahr haben wir dieses Haus weggegeben. Wir haben jeden Gegenstand, jedes Buch, jede Erinnerung noch einmal in die Hand genommen, in Kisten, Autos und blaue Säcke gepackt.

Kiste für Kiste haben wir zur Tür raus geschleppt, jedes Möbelstück abgebaut, jeden Teller, jede Gabel und jeden Topf zwischen mir und meinem Bruder aufgeteilt. Über jedem Gegenstand haben wir Entscheidung getroffen, wir haben nichts zurückgelassen.

Wir haben die Katze weggegeben und dann einfach die Tür hinter uns geschlossen. Wir haben neue Wohnungen angemietet, all unsere Habseligkeiten in diese neuen Orte gebracht und uns ein neues Zuhause geschaffen.

In unserem alten Zuhause, da lebt jetzt eine neue Familie. Sie haben die Wand zur Küche durchgebrochen, wo die Durchreiche war. Da habe ich mein ganzes Leben gesessen und meiner Mutter beim Kochen zu gesehen. (Und jeden Tag hatte sie mir gesagt, ich soll dort nicht sitzen.)

Dieser Ort ist nun Weg. Die Kinder der neuen Familie werden jetzt da groß, wo wir groß geworden sind. Unser Zuhause, ist jetzt ihr zu Hause. Sie werden dort essen, wo wir gestritten haben, dort kochen wo wir gekocht haben, sie werden in der gleichen Straße Fahrradfahren lernen, wie wir. Ihre Geburtstage in unserem Garten feiern, wo immer noch der Johannisbeerbaum steht. Sie werden im Sommer die Beeren pflücken und Kuchen backen, wie meine Mutter und ich jeden Sommer. Und eines Tages, wenn sie erwachsen sind und ausgezogen sind, werden sie an jenen Ort Heimfahren, wo ich auch aufgewachsen bin. Die Adresse ist die gleiche, aber der Ort wird ein anderer sein. Bis dieser Tag kommt, werden sie ihr eigenes Familienleben in diesen Wänden gelebt haben. Sie werden ganz anders gelebt haben als wir. Vielleicht haben sie den Johannisbeerbaum gar nicht bemerkt.

Das klingt so ganz schön furchtbar. Viele meiner Freunde verstehen das auch gar nicht oder nur wenig. Wenn alle anderen über Weihnachten wochenlang ihre Familie besuchen, verbringe ich einen geselligen Heiligabend in der Wohnung meiner Mutter und fahre dann wieder Heim. In meine Wohnung, wo ich zu Hause bin. Denn die Wohnung meiner Mutter, ist eben nur die Wohnung meiner Mutter. Und abgesehen davon, meine Familie zu sehen gibt es keinen Grund dort Tagelang auf der Couch zu nächtigen. Das finden dann alle immer furchtbar traurig, dass ich kein Zuhause mehr habe.

Das letzte Jahr, das war bestimmt von „dem Hausverkauf“. Über Wochen und Monate hat dieses Thema unser Leben bestimmt. Wir haben über nichts Anderes gesprochen, unsere Freizeit mit nichts anderem verbracht als dieses Haus unseren Erinnerungen zu entledigen.  Und ja, das war schlimm. Es ist eine zermürbende Aufgabe, das Wegschmeißen. Wir haben gelernt, dass wir nicht alles mitnehmen können, wir haben gelernt wie man Dinge wegschmeißt, die man zwar nicht mehr braucht aber trotzdem noch haben möchte. Wir haben aber auch gelernt, dass man mit den guten Erinnerungen auch den Schaden beseitigt. Wir haben gelernt nicht mehr an einem Tisch zu Essen und alleine das Haus zu verlassen. Wir haben aber auch gelernt immer wieder auf einander zu zugehen und dieser Familie zu arbeiten.

Die Katze wegzugeben war am schlimmsten. Noch heute hängt das wie der ultimative Beweis dafür über uns, was wir verloren haben. Dieses Haustier, was wir so innig geliebt hatten. Wir konnten einfach nicht mehr für ihn Sorgen, somit war es Zeit Abschied zu nehmen und ihn einer Familie zu geben, die besser für ihn sorgen könnte und genauso innig lieben wie wir. Doch der Verlust bleibt ja.

Doch heute ist das Haus leer und der Kater seit Monaten in einem neuen Heim. Das schlimmste ist geschafft und wir leben unsere Leben weiter.

Fühle ich mich entwurzelt? Ist es schlimm, dass dieses Haus nicht mehr uns gehört? Dass bald niemand mehr in der Heimatstadt wohnen wird? Nein, überhaupt nicht.

Ich zog nach Düsseldorf, als es Zeit war unser Haus zu räumen. Ein Jahr nach dem Abi. Diese Stadt gibt mir jeden Tag etwas davon zurück, was ich verloren habe und zwar mit Zinsen. Ich wurde hier so glücklich wie die ganzen letzten Jahre nicht mehr, nichts würde ich ändern. Und doch sehe ich mich hier nicht mehr länger als vielleicht ein Jahr, oder zwei. Das hat nichts mit Rastlosigkeit oder dem Entwurzelt sein zu tun, sondern ist viel mehr der Tatsache geschuldet, dass eine Heimat auch ein Ablaufdatum hat, wie alles andere im Leben. Ein Elternhaus wird immer ein Elternhaus bleiben, aber es war bestimmt einige Jahre her, dass ich mich dort das letzte Mal heimisch gefühlt hatte. Es war einfach an der Zeit weiter zu ziehen. Dieser Lebensabschnitt, er war aufgebraucht. Unsere Zeit hier war zum Stillstand gekommen, wir konnten keine neuen Erinnerungen mehr machen, dieses Haus war irgendwann nur noch ein Haus, wir hatten uns verändert.

Diese Straße, dieser Garten, der Sitzplatz auf der Durchreiche. Dorthin will ich nie wieder zurück. Einfach, weil ich dort lange genug gelebt habe. Bequemlichkeit, Schönheit oder Persönliche Verbundenheit. Das sind keine Gründe einfach stehen zu bleiben. Düsseldorf, ich liebe dich, aber eines Tages werde ich hier, in dieser Stadt nicht mehr glücklicher werden. Ich werde dich dann verlassen und gehen.

Wir haben unser Zuhause weggeben. Wir haben es abgelegt.

Heute, ist es besser für andere Kinder gemacht, die dort aufwachsen, wo wir ohnehin die meiste Zeit sehr unglücklich waren.

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Ein Kommentar zu „Wir haben unser Zuhause weggegeben

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