Zu cool um wahr zu sein

Ich kann einfach nicht umhin, als neidisch auf jene zu sein die mit dieser legeren Art zu leben auf die Welt gekommen sind. Ich persönlich, bin der absolute Prototyp, des Menschen der immer zu viel über alles und jeden nachdenkt. Es kommt sehr selten vor, dass ich den Dingen einfach mal ihren Lauf lasse oder auch riskanten Dingen einfach mal gelassen entgegenblicke.

Das ist weniger die Bewältigung großer Probleme, darin bin ich eigentlich recht gut, sondern viel mehr die kleinen Dinge, über die sonst kein Mensch nachdenkt. Geht etwas schief, im Job, in der Wohnung, im Freundeskreis, bereitet mir das Bauchschmerzen. Ich hasse Streit und Unfrieden und Entschuldige mich oft unnötiger Weise für Dinge, ich mir entweder gar nicht leidtun, oder für die ich gar nichts kann. Nur um den Frieden zu bewahren. An dieser Stelle könnte man natürlich auf irgendwie Verhaltensmuster, Kindheitstraumata oder persönliche Neigung eingehen. Zum einen denke ich nicht, dass man mit dem Ansatz der Wahrheit auf die Spur kommt und zum anderen soll es hier auch um etwas Anderes gehen.

Wir, die freie, erfolgreiche, ehrgeizige Generation Y, zwingen wir uns in Wirklichkeit nur dazu Ungezwungen zu sein? Liegt das überhaupt in unserer Natur, die Kontrolle abzugeben und den Dingen ihren Lauf zu lassen? Oder hat uns diese Konvention, mit dieser Priese 0-Bock durchs Leben zu gehen in Wirklichkeit mehr zum Knecht gemacht, als unsere Kindheitstraumata oder persönlichen Neigungen?

Ich hänge solchen Gedanken gerne beim Autofahren nach. Ich stand an einer roten Ampel und starrte ins Leere, wartete irgendwie darauf, dass die Schlussfolgerung einrastete. Aber ich konnte nicht so wirklich sagen, wohin diese Idee führen konnte. Nichts Greifbares, nichts Erleuchtendes ging diesem Gedankengang einher.

Zu Hause nahm ich mir Zettel und Stift. Spalte A: gefühlte Wahrheit, oder: der Wunsch. Spalte B: die wirkliche Wahrheit. Angefangen mit meinem Lieblingsthema „Klamotten und äußere Erscheinung“ fing ich an die Spalten zu füllen.

Klamotten…da sind wir ja schon ziemlich frei. Wir tragen, alles war wir cool finden, richtige Trends gibt es eigentlich selten und wenn man die Schule erst mal hinter sich hat, dann laufen auch nicht mehr alle gleich rum. Das war doch die Wahrheit oder? Weiter zu Spalte B. Sich richtig anzuziehen, fällt mir persönlich oft schwer. Meine beste Freundin und ich gingen fast jedes Wochenende im Club tanzen und jedes Mal stand ich vor dem Problem, dass ich nicht wusste was ich anziehen sollte, nichts wirklich Neues. Aber ich wollte nicht besonders schick oder rausgeputzt aussehen. Viel mehr suchte ich dann nach einem coolen Shirt, was nicht zu langweilig aussah, aber gut zu meinen Turnschuhen passte. Alles zusammen sollte es dann so wirken, als hätte ich mir nicht mehr als 1 Minute darüber Gedanken gemacht, was ich überhaupt anziehen will. Frisches Shirt, Harre aus dem Gesicht, Kaugummi, fertig. Ab zur U-Bahn. Kein Glitter, keine Lametta – ohne viel Fetz, einfach ungestylt stylisch aussehen. Gar nicht so einfach, wenn eigentlich gerne Schmuck trägt und einen Schrank voller selten getragener Kleidchen und hohen Schuhen hat.

 

Nächste Zeile: Partys. Oder im weiteren Sinne „sich mit Freunden treffen“, gerne auch abends mit Feier-Intentionen. Spalte A: Wenn ich die Zeit finde, gehe ich sehr gerne auch Partys, Geburtstage sind immer super lustig, viel persönlicher als in den Club zu gehen. Da kann man sich endlich mal wieder mit den Leuten unterhalten, die man vielleicht ewig und drei Tage nicht gesehen hat.

Spalte B: Gerade der Gastgeber wird da feststellen, dass die meisten zwar kommen, die wenigsten aber fest zu sagen. Auch ich ertappe mich oft dabei, pauschal erst mal mit einem „vielleicht“ zu antworten, obwohl ich noch nichts Anderes vorhabe an diesem Abend. Aber natürlich habe ich an dem Abend Zeit, eigentlich freue ich mich auf nichts Anderes.

Nun zum Schlachtplan: Party beginnt um 9, vor 10 also nicht das Haus verlassen und mit wem gehe ich hin? Alleine will ich da ja nicht aufkreuzen…

 

Beziehungen. Und nein, das wird kein „Menschen in meinem Alter sind doch alle Beziehungsunfähig“ Pamphlet. Aber was die Liebe angeht ermahne ich mich schon, dass es nicht schadet auf die Bremse zu treten. Man muss sich ja erst mal kennen lernen, mal sehen wie es so läuft, ob das überhaupt passt. Klar, im Bett kann man landen, aber das heißt ja noch lange nichts. Und eine Beziehung will ich zwar schon irgendwie, aber es ist ja noch viel zu früh um an sowas zu denken.

Die Realität ist aber, dass diese Zurückhaltung zwar auf der einen Seite von Schüchternheit und Selbstschutz herrührt. Auf der anderen Seite jedoch, auch ein bisschen inszeniert ist. Ich denke meist noch vor dem ersten Date in 10 Jahres-Schritten in die Zukunft, überlege wie dieser Mensch, der erst gerade eben in mein Leben getreten ist, sich im Alltag wohl verhält, wie seine vorherigen Beziehungen wohl wahren und warum es nicht geklappt hat. Ich frage mich natürlich auch ständig, warum Männer sich nie melden und dass es mehr als nur einen guten Grund gibt einfach mal ein bisschen durch zu drehen, auf Grund der Euphorie, dieser neuen „Liebe“. Aber das wäre gar nicht lässig. Lieber lassen.

 

Ich legte den Stift beiseite und sah mir mein Blatt an. In der Spalte „wirkliche Wahrheit“ standen keine schlechten Dinge. Vor allem standen dort keine wirklich neuen, oder überraschenden Dinge. Zusammen gefasst konnte man sagen: Ich machte mir viel Gedanken über meine Klamotten und mein Äußeres, ging zwar gerne auf Partys, versuchte mich dort aber so zu präsentieren, damit ich im rechten Licht dastehe und in der Liebe bin ich meist lieber Vorsichtig um mir nicht die Blöße zu geben. Diese sind seit Jahrzehnten in der Medienlandschaft manifestiert worden. Doch was hier, im Jahre 2016 aus dem Gleichgewicht gekommen war, war die Relation zwischen dem Weg und dem Resultat. Soweit ich sehen konnte, war der Weg geradewegs aus einer Teenager Klamotte aus den 90er Jahren entsprungen. Doch das Gesamtbild war ganz anders, als das heutige.

 

Die Generation Y, schien mir voll von Menschen, die zwar ein geregeltes Leben hatten, gutes Geld verdienten und auch im junge Alter schon sehr gut in der Lage waren ihr Leben selber die Hand zu nehmen, jedoch waren sie gleichzeitig auch unglaublich bedacht darauf, all das nicht nach Arbeit aussehen zu lassen. Es war halt Trend immer auf dem Sprung zu sein und den ganzen Tag Beschäftigung zu haben, oder es zumindest so aussehen zu lassen. Dieses „ich gebe mir wirklich große Mühe“-Denken schien mir aus der Mode gekommen zu sein. Die Frage war nur, gaben sie sich wirklich keine Mühe, oder ließen sie es nur so aussehen? Was meinst du?

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