Lasst uns kurz über Tinder reden

Ich hab einmal einen sehr netten junge Mann über Tinder kennengelernt. Wir haben einige Tage geschrieben, uns dann schließlich zum Essen verabredet. Das war an einem Sonntagsnachmittag im Juni oder Juli. Wir gingen in so einen Hipsterladen der koreanische Tapas anbot. Super Nachmittag, endlose Gespräche, später noch spazieren gegangen, am nächsten Tag direkt wieder zum Frühstücken getroffen. Endlich hatten wir jemanden in dieser fremden Stadt kennen gelernt. Es kam wie es kommen musste. Wir wurden beste Freunde.

Heute gucken wir Sonntags Football, feiern zusammen in der Altstadt, gehen zusammen zu Ikea, hören uns die neuen Tinder-Stories des anderen an. Er verbrachte Heiligabend bei mir und meiner Familie, hört sich meine Sorgen an, wenn ich einen schlimmen Tag hatte, ist da wenn ich ihn brauche. Eine so wertvolle Bekanntschaft, die mir soviel über die Einsamkeit in einer fremden Stadt hinweg geholfen hat, besonders in den ersten Wochen. Und dann lernten wir uns ausgerechnet über Tinder kennen, ist das nicht total seltsam?

Um diese Frage zu beantworten, steige ich direkt mal in die meist gefragtesten Fragen von Bekannten und Freunden ein. Denn was Tinder angeht, ist wohl dieses Mysterium entstanden, dass ich ein bisschen befremdlich finde. Diejenigen, die auf Tinder sind, reden ja nicht drüber und die, die es nicht sind haben wohl trotzdem ein ziemlichen klares Bild darüber was angeblich auf Tinder so passiert. Eure fragen sollen nicht weiter ins Leere gehen.

  1. Du bist echt auf Tinder? Oh Gott, aber du triffst dich da doch mit niemanden oder?

Nein, natürlich nicht. Ich rede wochenlang mit jemandem via Chat, lerne ihn echt gut kenne, investiere Zeit und Gedanken und verabschiede mich dann wieder, sobald die Bindung zu eng wird. Denn das lieben wir ja alle so am digitalen Zeitalter. Warum sollte man sich denn persönlich sehen, wenn man genauso gut auch den unpersönlicheren Weg wählen kann? So läufts dann auch richtig gut mit den sozialen Kontakten und dem Dating.

  1. Aber ist es nicht total gefährlich, wenn du dich mit jemandem triffst, den du noch nie gesehen hast?

Nein.

  1. Aber Tinder ist doch total oberflächlich, da quatschen die dich doch nur an, weil denen dein Äußeres gefällt, oder?

Ich weiß, das ist halt echt ein Nachteil. Im Club kann ich einfach meinen Röntgenblick einsetzen und durch Muskelshirt und Drei-Tage-Bart direkt bis auf die Seele eines Menschen blicken, Tinder hat die Oberflächlichkeit quasi erfunden, das stimmt.

  1. Aber auf Tinder wollen doch eh alle nur vögeln, oder?

Klar, in der „echten“ Welt wollen doch auch nur vögeln, oder?

      5. Wie tief muss man sinken?

Das ist mit Abstand meine Lieblingsfrage. Andere Tinder User,gaben meistens an, diese Einstellung relativ konsequent zu ignorieren. Das ist der falsche Weg. Zu ungefähr 1% ist diese Frage sogar berechtigt. Es ist schon eine merkwürdige Welt. Ein Katalog voller williger Singles (zumindest meistens), man signalisiert sich gegenseitig, dass man sich gut findet und oft hat man kurze Zeit später ein Date. Ein Ort, an denen sich nur oberflächliche, gierige Leute tummeln, die alle nur das eine wollen. Unsozial, unpersönlich und ziemlich animalisch.

Der Begriff Katalog, das klingt am Anfang recht hart. Er verleitet dazu Männlein und Weiblein sofort in ihre schlechtesten Eigenschaften zu kategorisieren. Weiber, die sich so billig wie möglich zu präsentieren um einen Mann kennen zu lernen und Männer, die meinen, sie würden sich automatisch für Sex qualifizieren nur weil sie einen Tinder Account haben und sie dort ein Mädchen mit Brüsten gesehen haben. Ich bin mir sicher, dass sich viele auch mit dieser Einstellung bei Tinder anmelden, allerdings kann ich versprechen dass das erfolglos bleiben wird. So einfach ist das nämlich (leider) nicht.

Zwischen einem Tinder Like und Tinder Sex oder einer echten Bekanntschaft, da liegen Welt.

Wer meint, dass das eine automatisch zum anderen führt wird ziemlich erschrocken über den Weg sein, der zwischen diesen zwei Punkten liegt. Denn unweigerlich werden irgendwann zwei Menschen vor ihren Handys auftauchen und einfach echte Menschen sein. Sie werden einen Abdruck im Leben des anderen hinterlassen, sie werden eine Rolle im Leben des anderen spielen. Irgendwann auf diesem Weg, werden Sie ihr Profil ablegen und zusammen, zu zweit, alleine an einem Tisch sitzen, das ist absolut unvermeidlich. Und das hier, in dieser Dating Phase, so lange sie auch gehen mag, 10 Minuten oder 10 Wochen, so einiges schief gehen kann, sollte jedem klar sein, der ein gesellschaftliches Leben hat.

Um diese Frage also beantworten: Man muss gar nicht sinken, kein bisschen. Tinder ist normales Dating, auf digital. Heute, wie vor 1000 Jahren.

Last but not least:

  1. Warum musst du online daten? Lernst du sonst keine Leute kennen?

So eine Frage kann natürlich nur von einem nicht Tinderer kommen. Weil man sich einredet, dass diese lächerliche App nur für Leute gemacht ist, die im echten Leben nicht mehr klar kommen und sogar digital daten müssen. Oder aber jene, die sich nicht trauen so Leute anzusprechen, nicht oft genug rausgehen oder so schüchtern sind, dass sie sich hinter ihrem Handy verstecken müssen. Auch da regiert wieder Illusion, dass Tinder diese Probleme lösen kann. Kann es nicht.

Ich will es mal so erklären: Ich bin nun fast ein dreiviertel Jahr mal mehr oder weniger aktiv dort gewesen, habe sehr nette und sehr dumme Menschen dort kennengelernt, nichts ernstes und nicht bedeutungsloses. Daher kann euch die schonungslose Wahrheit über das berichten, was wirklich auf Tinder passiert:

Zwei Menschen kommen ins Gespräch.

Was danach passiert, ist nicht mehr die Schuld einer App.

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