Erzogen

Der eigentliche Aufhänger für diesen Artikel war folgendes: Frauen im Beruf, Mütter im Beruf. Dazu liegt ein wirklich wunderbarer Text in meinem E-Mailfach, allerdings ist es auch ein Thema, mit dem ich persönlich nun nichts anfangen kann. Ich hatte daher überlegt, ob ich den Artikel überhaupt schreiben soll, da mir die Thematik für mich einfach zu unpersönlich war.

Ich glaube ich brauchte einfach mal eine Nacht guten Schlaf, damit mir klar wird, wie dieser Artikel auszusehen hat. Dieser Text, er stammt nämlich von meiner eigenen Mutter, den sie mir zum Weltfrauentag geschickt hatte. Ein Rat, ein paar wohl gewählte Worte an ihre eigene Tochter (vielleicht auch nicht dazu bestimmt so veröffentlicht zu werden – sorry Maman) und ich heule rum, dass ich keinen persönlichen Bezug finde.

Meine liebe Tochter!

Der Weltfrauentag.

Brauchen wir einen Weltfrauentag? Oder aber lieber einen Weltmenschentag?

Du erwartest sicherlich einen Früher-/Jetzt-Vergleich im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Frauen, der eindeutig zu Gunsten der Gegenwart ausfällt.

Klar: Wir Frauen haben das Wahlrecht, brauchen unsere Männer nicht mehr fragen, ob wir berufstätig sein dürfen, können die gleichen Berufe wählen wie Männer, sind finanziell nicht mehr abhängig.

Theoretisch.

Praktisch ist der Preis aber sehr hoch.

Endloser Spagat zwischen Familie und Beruf, kräftezehrend und letztlich nicht zu stemmen. Auch mit noch so viel Energie nicht.

Der Anspruch ist aber permanent da: Du MUSST beides hinkriegen. Die Kinder erziehen und einen guten Job im Büro machen. Sonst wird entweder aus den Kindern nichts oder das Berufsleben bleibt auf der Strecke.

Frauen, die nicht berufstätig sind, geraten aber ins gesellschaftliche Abseits. Und in Abhängigkeit von ihren Männern.

Wenn aber die Kids Probleme machen, sind die Mütter Schuld.

Ich spreche in jeder Hinsicht aus leidvoller Erfahrung.

Und das ist nur ein Teil der Miete. Bei aller Belastung müssen Frauen heutzutage auch schlank, alterslos und schön sein. Die Konkurrenz ist riesig. Da wird diätet, abgesaugt, unterspritzt und gebotoxt, was das Zeug hält.

Wie war das denn früher?

Meine Mutter, deine Oma, durfte ganz selbstverständlich zu Hause bleiben, um ihre Kinder bis zum Schulalter zu betreuen. Das war Normalität und nicht gleichbedeutend mit Hirnamputation.

Bitte nicht missverstehen: Ich möchte die „gute alte Zeit“ nicht zurück.

Ich möchte aber eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Was hältst du von folgender Überlegung:

Statt Gelder aus öffentlicher Hand für Tagesmütter auszugeben, damit die Mütter in den Beruf zurück können, könnte man dieses Geld doch auch genauso gut den Müttern selbst geben, damit sie bei ihren Kindern bleiben können.

Es ist eine enorme Leistung, Kinder zu erziehen. Und diese ist nicht nur im Mikrokosmos Familie zu honorieren, indem man einmal im Jahr zum Muttertag ein Strauß Blumen bekommt, sondern es ist eine Leistung für die gesamte Gesellschaft. Die nächste Generation zu erziehen, sie heranwachsen zu lassen. Scheint aber nichts wert zu sein. Sonst würde man ernsthaft über ein Gehalt für Mütter nachdenken. Das würde einen enormen Druck von den Frauen nehmen, die ihre Kinder lieben und bei ihnen sein möchten und nicht schon im Babyalter in eine Kinderkrippe geben wollen.

Machen wir uns nichts vor: Kinder und Familie sind immer noch Frauensache. Und das wird auch so bleiben. Genetisch sind wir Steinzeitmenschen und auch genauso geprägt.

Es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Gottseidank. Das ist wundervoll, bereichernd und erotisch.

Wir brauchen keine vermännlichten Frauen und keine Weicheier-Männer.

Mann und Frau sollen auf Augenhöhe einander in ihren Stärken respektieren. Es werden alle beide gebraucht.

Und die Schwächen? Humor ist das Zauberwort…

Das alles würde ich mir zum Weltmenschentag wünschen.

Jetzt geht’s los:

Wenn man diesen Text das erste mal durchliest schlägt da schon ein recht bitterer Unterton mit denke ich, was eigentlich nicht zu meiner Mutter passt. Sie, die mich jeden Tag ermutigt genau das zu machen, was mich glücklich macht, ohne Rücksicht auf Hindernisse und Risiken und mich zu einer Person erzogen hat, die nicht aufgibt und nie die Füße still halten kann. Sie sagt mir das Beruf und Kinder nie zu vereinbaren sind. Ein bisschen hört es sich so an, als wäre sie nicht in den Beruf zurück gekehrt, hätte man sie für die Kindererziehung bezahlt.

Was ersteres angeht, liegt es einfach nicht in meiner Natur so was hinzu nehmen, obwohl ich auf Nachfrage eher geneigt bin, zu sagen dass ich lieber ein erfüllendes Berufsleben habe, als ein Haus voller Kinder. Dann bin halt entweder die über ehrgeizige Karrierefrau oder eben einfach nur 20, und ich soll erst mal ein paar Jahre älter werden. Meine Beziehung herzugeben um nach der Schule meine Flügel ausspannen zu können, das ist auf der einen Seite natürlich ganz schön abgebrüht, aber mit 19 „muss man ja auch seinen eigenen Weg gehen“ und Beziehungen sind in dem Alter ja auch nichts wert, wie ich hörte.

Schublade auf, Schublade zu. Soviel also zum Thema Kinder & Karriere in meiner Planung.

Und meine Mutter? Sie gehörte mit Sicherheit nicht, zu den Frauen die den Job hinschmeißen und zu Hause bleiben. Nicht weil sie das nicht als gerechtfertigte Alltagsbeschäftigung empfand, sondern weil es einfach nicht in ihr Mindset gepasst hätte. Trotzdem so bejahend mit diesem Konzept der „Hausfrau“ umzugehen, hat auch mir einen ordentlichen Denkzettel verpasst. Denn, sich abfällig über jene zu äußern die Büro und Business gegen Kinderbasteln und Kinnabwischen tauschen, ist schon etwas sehr einfach.

Die Quintessenz ist wohl ein bisschen mehr „Ja“ zu allem zu sagen. „Ja“, zu einer traditionell weiblichen Rolle, „Ja“ zu denen, die lieber die Gesellschaft als die Wirtschaft ankurbeln. Denn Geschlechtergleichheit heißt eben nicht nur die Freiheit zu haben, wieder in den Job zurück zukehren, sondern eben auch die Freiheit zu Hause zu bleiben und dafür ebenso geschätzt und respektiert zu werden.

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9 Kommentare zu „Erzogen

  1. Ich finde deinen Text (und den Text deiner Mama) echt gut. Klar, früher wurde es einfach so hingenommen, wir können froh sein, dass wir in der heutigen Zeit leben. Aber ja, das ist nicht immer leicht. Man muss für sich selbst entscheiden, wie es für einen am besten ist.

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    1. Hi Treurosa! Vielen Dank! Ja, das mit dem entscheiden… Ich hoffe das Resultat meines Artikel wäre, dass man sich eben eventuell doch nicht entscheiden muss, aber die Realität scheint das anders zu sehen…

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  2. Huhu…

    Der Text ist wirklich super geschrieben und man kommt so sehr ins Nachdenken.
    Man könnte aber auch heute noch teilweise denken, man lebe noch 100Jahre früher. Wenn ich so sehe, wie es manchen Müttern so ergeht.. Jeder muss für sich entscheiden was richtig oder falsch ist und wie er sich wohl fühlt…

    Liebe Grüße

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    1. Hi NICI, vielen Dank für deine Antwort. Inwiefern findest du, dass es noch wie vor hundert Jahren ist? Der Weg zu Karriere & Familie ist ja theoretisch schon geebnet und immerhin haben viele Frauen heute die Möglichkeit sich überhaupt zu entscheiden

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  3. Deine Mutter hat total recht. Ich mache mir darüber auch ständig Gedanken. Wenn ich irgendwann Kinder habe, war der ganze Aufwand mit meinem Studium dann nicht umsonst? Ich hoffe nicht, natürlich…

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    1. Hi Jessi, ich denke nicht, dass soetwas wie ein Studium je umsonst sein kann. Wenn du hinter dem stehst, was du machst wird sich der restliche Weg bestimmt ebnen. Und wenn die Jahre jetzt genießt, sind sie eh schonmal nie verschwendet, oder?

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  4. Wow, habe deinen blog gerade über Kleiderkreisel gefunden und bin fasziniert von dem Konzept. Mal was ganz anderes, brauchte etwas um mich zurecht zu finden, aber finde ich echt toll
    der Post ist sehr stimmig. Du hast Recht, es ist wirklich nicht leicht, in der heutigen Zeit muss man für sich selbst entscheiden können, was am besten ist

    Alles Liebe,
    Birte
    SHOW ME YOUR CLOSET

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    1. Hi Birte,

      das freut mich, dass dir mein Blog gefällt. Und ja, das mit dem Entscheiden ist wohl nicht immer so einfach. Freut mich, dass du dich mit dem Artikel auseinander setzen konntest.
      Viele Grüße,
      S

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