Mein digitales Ich

Liebes Internet,

wir sollten reden.

Du weißt, Du und Ich, wir stehen uns eigentlich sehr nahe. Du bist für mich ein ganz wunderbarer Ort, in dem ich gerne viele Stunden meiner Zeit verbringe. Bei dir gibt es immer so viele super spannende Menschen, die das Beste und Aufregendste aus ihren Leben teilen. Sie sprechen über ihre Leidenschaften, Hobbies, ihre Ängste und Meinung, sie kommunizieren mit ihren Lieben und lernen neue Leute kennen. Eigentlich bist du der Spiegel dieser Menschheit. Wenn etwas passiert, dann spiegelst du wider, wie die Menschen reagieren, ihre Gedanken, die Stimmung der Bevölkerung. Sprießt ein neuer Trend aus dem Boden, dann spürst du ihn als erstes. Durch dich werden die neusten Katzenvideos und Prankstars berühmt, was die Leute bewegt, wird durch dich erst wichtig und bekannt. Und doch, würde ich dich fragen, wüsstest du gar nicht, wer wir Menschen eigentlich sind.
Du guckst nicht auf die wichtigen Sachen. Du sammelst zwar Daten, aber weißt gar nicht so richtig, was du mit ihnen

anfangen sollst. Du denkst, du weißt wer ich bin, du kategorisierst mich und versucht mir Sachen zu verkaufen, die ich schon längst habe, du spielst mir ständig Inhalte zu, die mich gar nicht interessieren und in Wahrheit habe ich Breaking Bad schon längst gesehen, also bitte Netflix, hör auf mir E-Mails damit zu schicken.
Ich schreibe dir diesen Brief, nur um einmal zu erklären, dass ich gar nicht die Person bin, für die du mich hältst.
BlueKai sammelt zum Beispiel diese Daten über mich und verkauft sie. Aber gibt mir auch ein bisschen Einfluss zurück. Hier kann ich sehen, was man über mich zu wissen glaubt, anhand meiner Suchanfragen, besuchter Seiten, Kaufhistorie. Ich kann diese Daten dann auch verändern und löschen.
Mal sehen. Weiblich, aus Deutschland. Zutreffend, aber nicht gerade spitzfindig. Interessen. Autos, Social Media, Cell Phone Plans, Fashion Cooking, Movies, Politics, Online Dating, Babys & Kids. Davon ist die Hälfte gelogen. Autos sind super, aber kein Interesse von mir. Handyverträge zu googeln gehört jetzt auch nicht direkt zu meinem Interessen Horizont, sondern eher zu der Kategorie: „Dinge, die jeder mal Googeln muss.“ Und Babies & Kinder? Einfach nein. Wie in aller Welt kommst Du nur darauf? Diese ganze Parenting & Kinder Sache taucht auch unter der Kategorie ‚What others know about you‘ immer wieder aus. Aber ich zerbreche mir den Kopf, was an meinem Online Verhalten darauf hinweisen könnte, dass ich irgendwas mit sabbernden, nervigen, kleinen Menschen am Hut habe. Demnächst schickt mir Netflix dann E-Mails über die neue Blues Clues Staffel. Internet, so kommen wir auch nicht weiter.
Und du weißt nicht mal, dass ich gerne blogge und schreibe, du weißt nicht mal in welcher Branche ich arbeite. Du weißt zwar, dass ich viele Artikel lese, aber nicht was für welche. Du weißt zwar, dass ich aus Deutschland komme, vielleicht auch wo in Deutschland, aber Du weißt nicht, warum ich hier wohne.
Weißt du, wenn du meine Daten sammelst, um damit Werbung zu generieren, Geld zu verdienen oder dem BND einen Gefallen zu tun, dann ist das in Ordnung für mich wirklich. Das ist nur fair, immerhin gibst du mir so viel, da kann ich auch mal etwas zurückgeben.
Aber das mit uns kann einfach nicht funktionieren, wenn alle so tun, als würden diese Daten mich definieren. Denn weißt du, mein digitales Ich, das spiegelt mich nicht wirklich wider. Manchmal google ich Dinge, einfach aus Neugierde, weil ich gerade niemanden fragen kann. Die Dinge, die mir am liebsten sind, kaufe ich meist im Einzelhandel und meine echten Interessen bespreche ich eher bei Woyton auf der Friedrichstrasse, als im Kleiderkreisel Forum. Es ist in Ordnung, dass du nicht alles weißt, das ist auch gut so. Aber so langsam wirst du einfach überheblich. All die Aufmerksamkeit, die man dir gibt, weil Du glaubst, die Menschheit vermessen zu haben. Du hast einen Schatten aufgefangen. Mein digitales Ich und Du, das funktioniert. Aber Ich, bin halt jemand anderes.

Man hört sich,

Sunny.


Das Beitragsbild ist aus LightBeam für Firefox. Es zeigt dir an, mit welchen dritten Anbieter sich deine besuchten Websites verbinden.

Die BlueKai Registry findet ihr hier. Funktioniert natürlich nur, wenn eure Sitzung nicht privat ist und ihr kein disconnect.me oder ähnliches nutzt.

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7 Kommentare zu „Mein digitales Ich

    1. Freut mich, dass du mit dem Thema was anfangen konntest – und ja, das kann ich nur empfehlen, ist echt super spannend so eine Fremdsicht zu bekommen. Unten im Artikel hab ich ja auch ein paar Links gelassen, wo man einen kleinen Einblick finden kann!
      Viele Grüße,
      S

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  1. Huhu.

    Sehr cool geschrieben.
    Ist mal was ganz anderes und das mag ich. Mir gefallen deine Beiträge, kenne inzwischen ja einige und komme gern hier her.

    lg

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  2. Wirklich guter Artikel ! Da sieht man Daten sind nicht gleich auch Informationen und es ist vielleicht auch ganz beruhigend, dass die Algorithmen doch nicht so schlau sind, wie sie es gerne wären, Grüße 🙂

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