Meine Stadt, mein Terror

Es gibt so ein paar Themen im Internet, die ich ziemlich konsequent aus meiner „Teilen im Internet ist immer der richtige Weg“-Politik ausschließe. Themen, die den Shit Storm so sicher prognostizieren, wie die UEFA den Ausgang der Gastlandlosung. Ich kondoliere zwar gerne den Bloggern, die das einfach ignorieren und trotzdem thematisieren, was sie wollen, sei es veganes Hundefutter oder der Vergleich von Sex mit Eisbechern – aber ich persönlich handhabe das etwas anders. Die schwarze Liste umfasst einen ganzen Katalog an Themen, die auf diesem Blog einfach nicht passieren werden. Gewisse Themen sind für mich zum Beispiel einfach nicht der Rede wert, sind zu zerkaut, zu uninteressant, zu kontrovers oder schlicht zu komplex. Ganz oben auf dieser Liste: Sterbehilfe, Terror, Extremismus, Flüchtlinge, Mode und Make Up.

Aber es ist etwas passiert. Oder nicht passiert. Der Kampf gegen Terrorismus hat erste Früchte getragen. Ein Anschlag wurde verhindert. Als ich gestern Nacht auf der Heinrich Heine Allee Richtung Ratinger Straße ging, habe ich mir das Gefühl von Beklemmung, das in der Luft lag vielleicht nur eingebildet, aber in meinem Kopf lief trotzdem dieser Parallelfilm ab. Was passiert mit einer Stadt, wenn das Wahrzeichen für Vergnügen und der Rheinischen Ausgelassenheit plötzlich zum Mahnmal für Gewalt und Angst wird? Was passiert mit einer Stadt, wenn sie so erschüttert wird, in ihren Grundzügen, wenn sie in ihrem eigenen Fundament so angegriffen wird? Ein Paris schien mir immer so pulsierend, so stark, so bestehend. Ein Terroranschlag hinterlässt zwar Wut und Hass, aber die Stadt atmet irgendwann einfach weiter. Man rückt der Normalität wieder näher, denn Paris ist Paris und bleibt Paris. Aber was ist mit Düsseldorf? Viel kleiner, ganz anders, viel verletzlicher.

Gestern Abend, war eine schwüle Sommernacht. Die Stadt war voll, die Leute waren voll, eigentlich alles wie immer. Die längste Theke der Welt war aber trotzdem seltsam ruhig. Um 1 Uhr baute Schlüssel schon die Bierwagen ab und unten an der Rheinpromenade war fast keine Menschenseele. An einem anderen Tag, bei so einem Wetter tummeln sich hier sonst mehrere hundert tausend Besucher und Einheimische. Man kann sie hassen oder lieben, aber die Altstadt ist eben die Altstadt. Sie fühlt sich ein bisschen wie Heimat an, auch wenn die Leute immer nervig sind, die Straßen immer zu voll, die Clubs immer zu warm. Es ist ein seltsames Gefühl sich vorzustellen, was genau passiert, wenn man gerade vor dem Kürzer raucht und oben an der Heinrich eine Bombe hochgehen hört. Zehn weitere Attentäter sollten dann weiter in die Altstadt ausströmen und so viele Menschen wie möglich umbringen. Bei der Dichte die dort am Wochenende herrscht ein recht erfolgversprechendes Unterfangen. Werden die Menschen dann still? Oder rennen sie direkt los? Sieht man sich einen Moment an? Realisiert man, was da passiert?

Ich musste mir auch am Freitag unweigerlich die Frage stellen, ‚gehst du dort hin, oder nicht?‘. Moral, Einstellung und „Flagge zeigen“ hin oder her, Fakt bleibt aber, ob überlebt oder nicht, niemand möchte einen Terroranschlag durchmachen müssen. Der Punkt ist hier auch nicht, die potentielle Gefahr getötet zu werden, denn Terroristen werfen ihre Bomben ja nicht nur auf Körper, sondern auch auf Charaktere. Terror schlägt auch bei den Menschen ein, er verändert das Leben der Bewohner, das Gefühl der Stadt selbst. Niemand möchte sich vor dem Kürzer rauchend mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass um einen herum gerade Menschen sterben. Niemand möchte dann zurück in seiner Wohnung sein und hektisch Nummern von Freunden wählen. Niemand möchte in so einer Nacht schlafen gehen und sich Fragen stellen, auf die man keine Antwort finden kann. Niemand möchte so an der Menschheit zweifeln müssen. Niemand möchte sterben, aber überleben und überstehen möchte ich einen Terroranschlag auch nicht.

Dass die Düsseldorfer Altstadt ein Potentielles Ziel ist, ist nicht weiter überraschend. Und das Terroranschläge eine Gefahr sind, überall auf der Welt, das ist auch keine Neuigkeit. Aber wenn man dann doch an jenem Ort steht, wo vielleicht heute, nächste oder übernächste Woche der Horror hereingebrochen wäre, dass macht das ganze viel Realer und Unmittelbarer. Als hätte man als die letzten Wochen nur dort gestanden und gewartet.

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2 Kommentare zu „Meine Stadt, mein Terror

  1. Ähnliche Gedanken treiben mich auch schon seit längerem um. Ich arbeite in Düsseldorf und komme als Pendler in die Stadt, per Bahn. Eine der Linien die ich nehmen kann ist die, in welcher die nicht gezündete Kofferbombe deponiert worden ist. Dieses mulmige Gefühl begleitet mich fast jeden Tag, mal mehr mal weniger. Und schon alleine das ist bereits Triumpf zuviel für die fanatischen Anhänger dieser Todessekte. Aber ich habe nicht vor deswegen meine Gewohnheiten zu ändern. Soviel Trotz muss sein.

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    1. Ja das Gefühl ist schon sehr seltsam jeden Tag an die Orte zurück zu kehren, an denen die Katastrophe hätte passieren sollen. Und das mit dem Trotz ist natürlich auch so eine Sache, ich werde mich zwar auch nicht einschränken in meinem alltäglichen Leben, allerdings umtreibt, wie dich anscheinend ja auch dieses Gefühl.. Da muss man sich natürlich fragen was einem wichtiger ist, einen Standpunkt zu setzen oder der Gefahr zu entgehen, einen Anschlag miterleben zu müssen.

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