Für Dich, lieber Terror

Liebe Leute,

eigentlich wollte ich heute schwänzen. Es wäre eigentlich wieder Zeit, nach Donald Trump, Vergewaltigungsgesetzen und vereitelten Terroranschlägen in Düsseldorf wieder zum eigentlich Sinn dieses Blogs zurück zu kehren und über etwas Positives zu berichten, oder gar über jemanden aus der Kategorie „What you do“. Weder für Option A oder B habe ich zurzeit geeignetes Material zur Hand, mein Zeitkontingent zur Recherche geht gegen Null, also kein sunnysunday diese Woche. Leider gibt es etwas Entscheidendes zu sagen, vor dem ich mich nicht drücken möchte – daher in aller Kürze:

Jede Woche ein neuer Anschlag. Die Opferzahlen sind inzwischen horrend, die Motive immer undurchdringlicher, die Ziele und die Art und Weise immer perfider, die Frustration immer größer. Der Free-Fall-Tower auf der Rheinkirmes erstrahlte am Freitag noch in Blau-Weiß-Rot, am Samstagabend vielleicht schon in Rot-Weiß, heute – am Sonntag, vielleicht in neuen Farben. Man solle das Feuerwerk absagen, aus Pietätsgründen, man solle am besten gleich die Kirmes absagen, aus Sicherheitsgründen. Was ist mit dem Oktoberfest? Was ist mit der Olympia? Was ist mit Bochum Total, dem Melt Festival, Parookaville, was ist mit unserem Sommer?

Die Antwort auf diese Fragen lautet meistens: Wir machen weiter, wir lassen uns nicht einschränken und wir lassen uns nicht in unserer Lebensweise diskriminieren – denn genau das wollen „sie“ ja.

Ich denke, das ist nur ein Teil der Argumentation für das, was allgemein als „weitermachen“ gilt. Meine Mutter schrieb mir am Freitagmorgen, wie bestimmt viele andere Mütter – viel zu oft und überall auf der Welt: „Ich bin so dankbar, dass ihr noch am Leben seid.“ Das sagt sie nicht, weil Nizza gerade Anlass dazu gibt, sondern weil die Realität sich in eine Richtung entwickelt, in der es verdammt wahrscheinlich ist, seine Lieben bei einem Terroranschlag zu verlieren. Die Rheinische Post schreibt am Samstag: „Es werden weitere Anschläge passieren.“

Ich bin zwar absolut dagegen, einen Terroranschlag als so gottgegeben, wie eine Naturkatastrophe hinzunehmen, aber die Lektion, die diese Aussage erteilt ist meines Erachtens elementar für die nächsten Jahre, denn diese sind in der Tat ungewiss und es scheint mir, als sein wir tatsächlich eine Generation, die unsicherer heranwächst, als noch unserer Eltern. Es ist das Einfordern des Glücks. Es geht darum, die Voraussetzungen zu schützen, die das „Weitermachen“ erst sinnvoll machen. Denn der Terror mag kommen oder nicht, ob wir daran letztlich etwas ändern können ist noch nicht in letzter Instanz geklärt. Eines können wir jedoch: Sicherstellen, das wir auch nach einem Anschlag noch weitermachen können. Das wir noch weiter glücklich leben können.

Danke für die Rheinkirmes, das Feuerwerk, die Gesichter, die Menschen, das Glück, die Tradition. Danke für Düsseldorf, für Deutschland, für Schulbildung und Jobs, für Möglichkeiten und Träume, die Wirklichkeit werden. Danke dafür, eine Wahl zu haben. Danke, dass ich rausgehen kann und trinken und rauchen und feiern, als Mensch, als Frau, als Europäerin. Danke für die Pleiten und die Krisen. Danke dafür, Geld verdienen zu können, eine Wohnung zu mieten, Essen und eine Flasche Wein im Kühlschrank zu haben. Danke Mama, dass du dich sorgst.

Hört auf zu streiten, hört auf besorgt zu sein, hört auf abzuwägen und zu zweifeln. Hört auf euch zu fragen, wer schuld ist. Hört auf euch nach dem Null-Prozent Risiko zu sehnen, hört auf zu urteilen. Hört auf euch zu fragen, was die perfekte Figur ist, die perfekte Beziehung, die perfekten Kinder, der perfekte Job ist. Hört auf euch zu beklagen. Hört auf zu jammern, weil ihr Montag wieder zur Arbeit müsst.

Geht raus. Nehmt es mit den Risiken auf. Gewinnt, verliert. Hört auf so cool und abklärt zu sein. Hört auf, immer dagegen zu sein. Hört auf immer eine Meinung haben zu müssen. Mut zur Lücke, Mut zur Unbeschwertheit. Im Europa des 2016 zu leben ist keine Strafe. Wir sind nicht verblendet durch die Digitalisierung, die Globalisierung raubt uns nicht die Kultur und an der Flüchtlingskrise werden wir auch nicht scheitern. Jede Tür steht offener als je zu vor. Kein Krieg, kein Terror, keine Ungewissheit kann das ändern. Aber wer sich weigert hindurchzugehen, oder gar nur zu erkennen, dass sie offenstehen, der hat dem Terror schon den Sieg versprochen.

Glück ist ein Full-Time Job und der Terror stellt uns auf eine harte Probe, aber es gilt nie zu vergessen: Die Voraussetzungen waren nie besser, das beste Leben zu leben, seit dem es die Menschen gibt.

Türkei – Juli 2016

Nizza

Bagdad

Dallas

Saudi-Arabien

Dhaka

Istanbul

Mogadishu

Jordanien

Magnanville

Afghanistan

Tunceli

Orlando

Syrien

Tel Aviv

Midyat

Aqtöbe

Somalia

Kabul

Jemen

Tadschi

Diyarbakir

Gaziantep

Bursa

Essen

Jerusalem

Stawropol

Irak

Lahore

Irak

Brüssel

Grand-Bassam

Ankara

Aden

Hannover

Kairo

Jakartar

Pathankot

San Bernardino

Bamako

Sarajevo

Paris – November 2015

 


Hold on to these moments

 

 

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6 Kommentare zu „Für Dich, lieber Terror

  1. Huhu….

    Ich finde es traurig, wie die Welt derzeit eigentlich untergeht und die Menschen sich bekriegen müssen. Ich verstehe absolut keinen Sinn dahinter…..
    Sehr schön geschrieben…. Hoffe, dass die Menschen endlich wachgerüttelt werden.

    Gruß

    Gefällt 1 Person

  2. Ich sitze teilweise fassungslos vor dem Fernseher, wenn wieder Nachrichten laufen. Manchmal nur in kleinen Abschnitten, wenn wieder Bomben auf eine Stadt im Kriegsgebiet gefallen sind, dann die großen Beiträge, wenn der Terror plötzlich näher kommt. Und trotzdem dürfen wir uns nicht davon lähmen lassen, sondern weitermachen – genau wie Du sagst ❤
    Liebe Grüße,
    Missi von Himmelsblau

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