I’m back – USA, Trump und der amerikanische Traum

Liebe Leserschaft,

 

wir sollten über ein paar Dinge reden. Zum einen ist da das Versprechen, ein Artikel pro Woche. Dieses Versprechen war schlichtweg unvereinbar mit meinen Plänen für den Sommer, daher habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen, das Projekt sunnyonbehalf für 3 Wochen in die Sommerpause zu schicken. Das war richtig und das ist auch extrem wichtig, für mich, für euch und für den Content. Im Flugzeug auf dem Weg zurück nach Deutschland habe ich also ein paar Dinge im Gepäck, die diesen Blog erstmal ein paar Wochen füllen werden. Ich bin hochmotiviert und lege direkt mal los:

Ein kurzer Überblick: Zu aller erst möchte ich über die USA reden. In den letzten 2 Wochen bin ich über Boston noch Baltimore gereist, habe ein paar Tage in Pennsylvania verbracht, dann 8 Stunden im Auto über Maryland, Virginia, North Carolina nach South Carolina. Highway über Highway, Landschaften, Berge, Bäche, Felder, Siedlungen, Geisterstädte, Industriegebiete, Großstädte, Kleinstädte, Landstraßen und schließlich bis zum Strand in Myrtle Beach. Zurück nach Pennsylvania, zurück in Gettysburg, zurück in meiner alten Heimat. Washington DC, Boston, Heimreise. Das gespaltene Land im Schnelldurchlauf und – das ist wichtig zu beachten – nur ein klitzekleiner Bruchteil des gespaltenen Landes, um genau zusein nämlich nur 2/3 der Ostküste. Ich fühle mich ein bisschen, als hätte ich mir 2 Wochen lang den Mund madig geredet. Es geht um Trump, es geht um Religion, ums erwachsen werden, um die Zukunft. Ich habe angefangen etwas zu tun, was ich sonst nie getan hätte und woran ich auch persönlich nicht glaube: Bekehrung. Ich habe geredet und geredet, gebettelt und gefleht in der Hoffnung einen kleinen Teil zu dem beizutragen, was ich als Abwenden der größten Katastrophe seit der Jahrtausendwende empfinde: Donald Trump als Präsident.  Meine Gastfamilie war dann wohl recht schnell an dem Punkt wo es hieß: Sarah, while we are there- don’t bring up politics. Bitte nicht falsch verstehen, die sind komplett auf meiner Seite, aber Amerikaner haben paradoxer Weise wohl Angst vor Konflikten. Die Universallösung ist dann einfach nicht über Politik oder Religion zu sprechen – erledigt. Friede, Freude, Eierkuchen. Ich habe mich damit aber schwergetan. Als Gast in ihrem Land und Haus würde ich nichts tun um absichtlich Unfrieden zu stiften, auch wenn man es mir unter diesen Bedingungen sicher nicht übelgenommen hätte – dennoch ist das vielleicht nicht die Zeit um einfach zu Schweigen. Es ist bestimmt nicht die Zeit um Meinungen einfach Meinungen sein zu lassen. Immerhin geht es hier nicht um Kaffee oder Tee, sondern um einen frauenfeindlichen, Gewalt- verherrlichenden, rassistischen Immobilien-Milliardär, der offensichtlich den IQ des Meerschweinchens hat, dass er auf dem Kopf zu tragen pflegt und der möchte auch noch Präsident des Landes werden, dass ich lange Zeit als das beste der Welt empfunden habe.

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Es ist fast unmöglich hier diplomatisch zu bleiben. Wenn ich in der Mall eine Frau in meinem Alter sehe, die mit einem pinken Donald Trump Shirt durch die Gegend rennt, möchte ich mich einfach nur auf ihre amerikanischen Füße übergeben. So sehr schäme ich mich, so sehr tut mir die eine Hälfte der Amerikaner leid, die ähnlich empfinden wie ich. Und ja, ich muss wirklich sagen die Hälfte. Trumpwähler sind nicht die Hinterweltler in Wisconsin, nicht die Farmer in Utah, nicht die Rednecks in Neuengland. Studien haben sogar ergeben, das Trumpwählern weder eine bestimmte ethnische Gruppe, noch ein Bildungsgrad, ein Einkommen oder eine Sozialisierung zu zuordnen ist. Trumpwähler sind die Amerikaner im ursprünglichem Sinn. Das sind die Patrioten, für die „Amurica“ eine Lebenseinstellung ist. Das sind Menschen, die nach Autorität dürsten, denn so funktioniert Amerika. Das sind die Leute, die nicht hören und nicht hören wollen, was im Rest der Welt vor sich gehen. Die schlagen morgens die Zeitung auf und lesen nach, wer am Wochenende betrunken auf der Straße aufgegabelt wurde und wo der nächste Flohmarkt in der Umgebung ist. Die wollen nicht hören, dass es eine Bevölkerung außerhalb der Staaten gibt, die eng verflochten ist, mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie wollen das nicht hören und nicht sehen und es spielt offen gestanden auch keine große Rolle in deren Leben. Denn sie leben ja in den USA und nirgendwo anders. Doch auch die, haben inzwischen mitbekommen, dass die Welt näher zusammengerückt ist. Amerika glättet seine Ecken, wird weniger autonom, mehr Teil von etwas Größerem, in dem es nicht mehr den Hut aufhat. Für viele ist das neu, beängstigend und unüberblickbar. Diese Wähler sind quasi die besorgten Bürger jenseits des Atlantiks, nur mit dem Unterschied, dass diese sich nicht darüber beklagen, ihre Regierung hätte ein Problem importiert, sondern viel mehr über den Lauf der Geschichte. Auch sieht ihre Lösung nicht vor, eine Stimme in das Parlament zu bringen, die vorher nicht vertreten war, sondern viel mehr ein Maskottchen zu verehren, welches für das rechte Gedankengut, die Ausgrenzung und die Gewalt steht. Ein Land der extreme eben.

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Einem Amerikaner zu erklären, dass Politik nicht immer bequem ist und eine Lösung nicht immer perfekt für alle, das ist als würde man direkt die Freiheitsstatue abreißen. Denn für viele muss Amerikanische Politik genau das sein: Bedingungslos fokussiert auf das Wohl der Bevölkerung, die Grundwerte der Amerikanischen Kultur verehrend und immer das unberührt lassen, was Amerika vor 300 Jahren so frei und ungewöhnlich gemacht hat. Das mag zwar nicht verkehrt klingen, allerdings ist hier kein Platz mehr für Entwicklung und Veränderung. Hier ist keine Zeit einen Blick auf das größere Wohl oder die Zukunft zu werfen. Nachhaltige Politik steht der Idee der Republikaner entgegen und das schlimme ist, dieser Umstand ist ihnen nicht einmal bewusst. So viel zum Überblick der politischen Lage in den USA. Ein Einseiter wird der Sache nicht annähernd gerecht, deswegen arbeite ich an einem ausführlicheren Essay in beiden Sprachen, einfach, weil es wichtig ist. Und genau aus diesem Grund habe ich auch beschlossen die Politik Rubrik künftig von diesem Blog abzuspalten. Ich will all diese Inhalte an einen neuen Ort bringen, an dem ich mehr Raum habe und eine gezieltere Leserschaft. Dort wird Raum zur Diskussion und neuen Ideen sein, weniger bloggen, mehr reden.  Launch ist in den kommenden Wochen, alles Weitere kriegt ihr dann auch hier oder auf den Social Medias mit.

 

Auch von dieser Reise mitgenommen habe ich eine kleine Lektion über Träume. Als ich vor 5 Jahren das erste Mal in die USA kam, ohne von der Urlaubsblase umgeben zu sein, war mein 15-Jähriges selbst noch nicht empfänglich für die Feinheiten, die mich jetzt mehr beschäftigen. Es geht um die Vision für ein Land und für jeden einzelnen Bürger. Da gibt es die, die sich irgendwie im amerikanischen Traum verfangen haben. Ihre kleine rosa rote Welt ist so perfekt und aufgehübscht, dass ich mich oft fragte ob diese Leute wirklich verblendet sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie je ehrlich sprechen, dass sie je ihre Ängste und Sorgen ausformulieren, dass sie oft den Weg anzweifeln, oder gar hinterfragen, den sie gegangen sind. Ihr Leben plätschert irgendwie dahin, aber es scheint mir nicht als hätte es Spuren hinterlassen. Manche Leute kamen mir vor, wie neugeborene, als hätten sie nie im Leben etwas durchgemacht oder als sein sie individuell geprägt worden. Der Mensch, als sei er grade vom Laufband gehüpft.

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Auf der anderen Seite jedoch, gibt es eine Seite, die nicht weiter entfernt sein könnte. Abgrundtiefe Armut und Aussichtslosigkeit. Auf unserem Roadtrip fuhren wir durch einen Ort in North Carolina, der wie ausgewischt war. Eine ganze Geisterstadt, in der noch Menschen lebten, aber alle Geschäfte standen leer, niemand hatte draußen Dinge zu erledigen, niemand hatte hier eine Aufgabe. Irgendein Wirtschaftszweig musste diese Kleinstadt einst genährt haben, bis er ausgewischt wurde. Hinterlassen hatte er ein Ghetto vielleicht sogar bestehend aus jenen Bewohner, die hier einst ein gutes Dasein gefristet haben. Warum waren sie nicht weggezogen? Warum hatte der Staat nichts unternommen um diese Staat weiter zu nähren? Wie viele Geisterstädte gab es noch, die von der Wirtschaftskrise oder ähnlichem verschluckt worden waren? Im Gegensatz zur cleanen Mittel- und Oberschicht kamen mir diese Orte trotzdem lebendiger vor. Sie waren voller Geschichten und Geschehnisse. Die Leute hier, hatten etwas zu beklagen, zu bedauern oder zu erzählen. Die cleanen erweckten diesen Eindruck nicht. War das die Bedeutung des modernen amerikanischen Traums? War sein Preis das Leben in der Happy-Blase? Für mich stellt das so einiges auf den Kopf. Was ist, wenn man sein Leben lang hart arbeitet, meint alles erreicht zu haben um dann als zu clean, zu leidenschaftslos oder als unehrlich abgestempelt zu werden? Was nützt es einem interessant zu sein, wenn man in Wirklichkeit gerade den Abgrund seiner Existenz durchlebt?

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Reisen ist eine riesen Quelle für Inspiration. Aber auch eine trickreiche. Es nicht so, dass ich nun nach Hause gehen kann und meine Notizbücher in Text verwandle, fertig ist die Laube. Reisen wirft auch viele Fragen auf, die man im Zweifel nicht beantworten kann. Auch hinterfragt man plötzlich, was eigentlich ziemlich klar war. Mich hat diese Reise tatsächlich ein wenig zurückgeworfen. Die beschützende Atmosphäre meine Gastfamilie, die ich als junge Erwachsene in Europa mit dem Verlassen meines Elternhauses hinter mir gelassen, sie kommt mir merkwürdig und unangebracht vor. Zurück in Deutschland bin ich wieder erwachsen, mein eigener Herr und nicht das ewige Austauschkind. Es ist wie Zeitreisen, nur ohne die Option etwas verändern zu können.

Ich freue mich sehr zurück zu sein, in diesem Sinne:

Jede Woche ein Artikel, jeden Sonntag ein neues Thema: #sunnysundays – Über das was ihr macht, das was ich mache und über Geschichten.

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