In hustle we trust

Nichtstun lähmt mich. Eine Sache, die ich weder akzeptieren noch gut durchstehen kann: Das stillhalten meiner Füße. Desto mehr ich tagsüber im Büro mache, desto mehr mache ich auch in meiner Freizeit. Wenn auf der Arbeit tote Hose herrscht verfalle ich binnen weniger Tage in ein Stadium der absoluten Lähmung. Ich nutze meine Freizeit dann halt einfach gar nicht mehr, für gar nichts, obwohl ich ja eigentlich entspannt und ausgeruht von der Arbeit zurückkommen müsste. Bis dann irgendwann wieder ein Tag kommt, an dem es auf der Arbeit auch mal brennt. Da war ich dann spät zu Hause, bin meine 5 km gerannt, war einkaufen, kochen, aufräumen, schreiben, E-Mails, Bett. Glücklich.

Vielleicht bin ich ein Psycho, aber vielleicht bin ich auch einfach Opfer einer Generation die eben nicht arbeitet um zu leben, sondern lebt um zu arbeiten – und das ist kein bisschen negativ gemeint.

Warum arbeiten wir eigentlich? Eine heißumstrittene Frage, auf die es nicht wirklich eine Antwort geben zu scheint. Zumindest nicht, wenn man abgesehen dem offensichtlichen „um Geld zu verdienen“ nach einer tiefer gehenden Begründung sucht. Die Zeiten in denen man nur von 8 bis 17 Uhr an seinen Job dachte, man zur Arbeit ging, weil es eben sein muss und die ganze Chose als das notwendige Übel zwischen Studium und Rente ansah – die Zeiten sind lange vorbei. Die Meinung, dass die einzig echte Zeit, die man im Leben hat, die Freizeit ist – lange überholt.

Würde man mir heute genug Geld in die Hand drücken, um den Rest meines Lebens ein angenehmes Dasein zu fristen – ich würde trotzdem noch arbeiten und sicher auch nicht weniger, oder weniger ambitioniert, denn das Brotverdienen ist zwar ein schöner Nebeneffekt, aber nicht der Grund, warum Arbeit viele Menschen tief erfüllt.

Um diesem Grund auf die Spur zu kommen, muss man sich natürlich fragen, wir da eigentlich den ganzen Tag tun. Die Statistik sagt: Vermutlich machen wir dort einen Job, den keine Sau braucht. Die Menschheit nicht, das Land nicht, die Stadt nicht und die Firma selbst vermutlich auch nicht.

Im NEON Blog las ich Anfang der Woche einen super spannenden Artikel, der eine Antwort auf die Frage sei, ob Arbeit verlorene Zeit sei. Dort wird folgende Geschichte erzählt: Einem andalusischen Ingenieur wurde einmal die Aufgabe aufgetragen, den Bau eines Klärwerkes zu überwachen. 6 Jahre lang war der Mann nicht zur Arbeit gegangen, niemand hatte das bemerkt und das Klärwerk wurde trotzdem fertig gebaut.

Oder Jobs, die eintönig und fremdbestimmt sind. Kann man glücklich in einem Beruf werden, in dem man immer nur ein Sandkorn im Getriebe bleibt? Ist es das Gehalt oder die etwaige Beförderung, die uns antreibt oder arbeiten wir nur, weil uns die Gesellschaft irgendwann mal eingetrichtert hat, dass Arbeiten zum Leben eben dazu gehört. Am liebsten 40 Stunden die Woche.

Anstand und Anerkennung mal Beiseite – glaubt man einem Philosophen aus diesem Artikel, so sind es die inneren Güter wie zum Beispiel Identität und das dürsten nach Herausforderungen, die jeden Job besser machen, als gar keinen Job. Es geht darum, etwas zu tun, was man nicht aus seiner egoistischen Intuition heraus tut, sondern um einem Zweck zu dienen, der augenscheinlich nichts mit einem selber zu tun hat. Und finde das bringt es ganz gut auf den Punkt.

Als ich diesen Blog anfing, habe ich versucht mein Hobby das Schreiben, auf ein neues Level zu heben. Es ging mir darum, Teil etwas Größerem zu werden, zu teilen, zu reden, Anerkennung oder Kritik zu ernten, etwas Handfestes zu tun. In diesem Sinne ist auch das Hobby Arbeit, es erfüllt zumindest ähnliche Kriterien, die auch „normale“ Jobs erfüllen.

Der letzte Meter der dann noch fehlt um die Arbeit über einem Ambitioniertem Hobby zu wählen muss dann wohl doch das Geld sein. Im Spiegel las ich auf Blendle vor einigen Wochen ein Interview mit einem ehemaligen Discounter Manager – die Unterwelt der Arbeitsnehmer. Hier gab es wirklich alles was mich sich vorstellen konnte: Demütigung, Drogen, Alkohol, Prostituierte, Dekadenz und eben auch jede Menge Geld und schnelle Aufstiegsmöglichkeiten für die Manager. Ebendieser gab das Geld auch als einzigen Grund an, dieses Leben gewählt zu haben. Ich dachte mir beim Lesen, das Geld hier vielleicht auch als Ersatz für Anerkennung dient, denn eine Zahl auf dem Konto wird ja nicht schöner, desto länger sie dort steht.

Arbeit definiert sich neu. In den hippen Büros von Google und Co gibt es keine Schreibtische mehr, auch keine festen Arbeitszeiten, kein Dienst nach Vorschrift, vielleicht sogar weniger unnütze Jobs als sonst wo. Hier steht das „Der Job muss erledigt werden“ vor, „wir machen es so, weil wir es immer so gemacht haben“. Das gibt meiner Meinung nach einen spannenden Einblick in die vielleicht schon nahe Zukunft der Berufswelt und wer weiß, vielleicht hat dann auch die Montagshetze am Sonntagabend bald ein Ende.


sunnyonpolitics startet am Mittwoch! Auf Insta & Facebook gibts dann die Infos.

Wir schreiben uns nächsten Sonntag, bis dahin – seid fleißig, gebt alles. Und viel Spaß mit den Links:


NEON-Artikel. UNBEDINGT bis zum Ende lesen. Super interessant und spannend geschrieben.

Interview mit ehemaligen Discount Manager. Blendle berechnet für guten Journalismus berechtigter Weise ein paar Cent, der erste Artikel ist aber kostenlos. Danke!

Der King of work ethic, Casey Neistat.

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Ein Kommentar zu „In hustle we trust

  1. Hey, sehr gut geschrieben. Ich denke aber dieses „Leben um zu Arbeiten“ gibt es fast ausschließlich in der kreativ schaffenden Branche, weil dort die Persönlichkeit einen großen Teil zum vertriebenen Produkt beiträgt..

    LG

    Gefällt 1 Person

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