Du und Deine Meinung #sunnystorytelling

Politik ist überall. Und das ist nicht meine persönliche Meinung, weil ich drauf achte, weil ich das wünschenswert finde, oder weil ich Politik in allem sehe, nein, das ist einfach eine ganz nüchterne Feststellung. Social Media, die Gespräche in der Kneipe am Samstagabend, die Aufkleber auf der Laterne an der Bushaltestelle. Man sich und sollte sich kaum noch retten vor der Meinung, die einem in letzter Zeit ins Gesicht schlägt. Ausländer raus, Merkel muss weg, Refugees Welcome, Atomkraft – nein danke, keine Chance für TTIP. Alle haben etwas zusagen, aber niemand redet.

 

Hübsch verpackt

Die Aufkleber- und Plakatflut, die Anteilnahmsfilter für Facebookprofilbilder, die Hashtags und Initiativenmerch könnte Anlass zu der Illusion werden, dass die Menschen diese Dinge brauchen und wollen, weil sie ihre politische Meinung wieder kundtun möchten. Die Realität erscheint mir aber manchmal so, als würde diese Dinge gebraucht wie ein Modeaccessoire. Die rhetorische oder grafische Verpackung einer politischen Einstellung ist das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, Menschen für eine Sache zu gewinnen. Wenn du eine Initiative gegen Atomkraft gründest und sich plötzlich jeder die lächelnde rote Sonne auf den Hipster-Rucksack klebt, dann ist das natürlich erst mal Anlass zu Freude. Aber alle Achtung – Quantität ist nicht gleich Qualität! Können wir davon ausgehen, dass jeder dieser Aufkleber in der Kneipe mitnimmt und auf ein beliebiges Kleidungsstück klebt auch weiß, woher der Strom kommt, den er bezieht? Wissen wir, dass er auch etwas für die Sache ändern wird? Wenn das Gespräch beim Monopoly Abend aufkommt, wird er seinen Freunden den Öko-Strom Anbietern empfehlen, oder sich gar nicht erst in der Pflicht fühlen sich am Gespräch zu beteiligen?

Das hübsche Verpacken einer politischen Bildung hat das Bild der Öffentlichkeit meines Erachtens verfälscht. Wir haben unsere Realität mit einer Illusion plakatiert, die uns Glauben lassen könnte, die Jugend sei tatsächlich wieder politisch. In Wirklichkeit aber könnten wir auch nur die größte Mitläufer Gesellschaft aller Zeiten sein. Wie findet man es raus?

 

Einen Blick in die WG Küchen

 

Das echte Leben spielt sich eben dort ab, wo sich die Menschen wirklich begegnen? Aber was spielt sich ab, in den Kneipen, den WG-Küchen, bei den Spieleabenden und in den Mittagspausen? Soweit ich mit meiner Erfahrung sprechen kann, werden hier die Karten nicht wirklich auf den Tisch gelegt. Und wenn doch, dann endet das meist in Unfrieden und Streit. Irgendjemand hat den Abend dann zerschossen. So kann ich mich auch an einen Abend im Biergarten auf der Ratinger Straße erinnern, wo der Kumpel eines Kumpels plötzlich sagte „Wenn die das Flüchtlingsheim in meiner Straße wirklich bauen, dann bin ich da weg.“ Da herrschte dann erstmal toten Stille am Tisch. Ein Nazi oder AFD Wähler sei er deswegen nicht gleich, fügte er hinzu, aber es stehe ihm ja frei, zu wohnen wo er möchte. Das ist ganz klar korrekt. Aber jemand, der Ausländer in der Nachbarschaft als Umzugsgrund anführt war für uns plötzlich keine Tischgesellschaft mehr. Große Fragezeichen in unseren Augen: Wir jetzt weitermachen? Sein Kumpel war ebenso überfragt. „Mensch, der Abend war doch so lustig bis jetzt. Was sollte das denn jetzt?“

War das die Leere? Wenn Du jemand mit einer politischen Meinung hast, die den anderen nicht passt, dann halt lieber den Mund, um den Abend nicht kaputt zu machen? Zugegebenermaßen – als politische Meinung geht diese Meinung nur bedingt durch, aber ich bin mir sicher, fünf Bier zuvor hätte er diese Sache anders dargelegt, mit dem gleichen Ergebnis zwar, aber politisch differenzierter. Fakt bleibt also, die Luft war zum Schneiden, wir wussten nicht mehr, wie man so die Kurve kriegen sollte? Einfach unter „jedem seine Meinung“ abharken und weitermachen, oder eben den Abend an Akter legen?

Wenn es um politische Gespräche im Freundeskreis geht, dann muss es für einen außenstehenden oft scheinen, als beobachte er einen Balance Akt. Ein Gespräch was permanent auf der Kippe zur Eskalation steht. Jeder findet es zwar richtig und wichtig seine eigene Meinung zu hören und die des anderen anzuhören, aber gleichzeitig versucht man auch händeringend dieses Gespräch hinter sich zu bringen, ohne einen Streit, oder einen zersprengten Abend.

Mein Bruder zum Beispiel ist politisch ein ganzes Stück weiter rechts angesiedelt als ich. Weniger sozial, weniger verständnisvoll. Ein bisschen radikaler, vielleicht auch ein bisschen weniger weiblich. Und ja, wir geraten da oft an einander. Aber auf eine Art und Weise, auf die man nur mit seinen Geschwistern streiten kann. Ich genieße es dann oft einen Menschen zu haben mit dem nach Lust und Laune nicht einer meiner sein kann und das auch so kommunizieren. Ohne sich in Watte zu packen, oder sich profilieren zu müssen, ohne die Angst zu haben, plötzlich nicht mehr dazu zu gehören. Warum kann ich so nicht mit meinen Freunden diskutieren?

 

Fühlt euch nicht mehr angegriffen

In einem Artikel in der NEON von vor einigen Wochen, wir dieses Phänomen folgendermaßen erklärt: Eine andere Meinung wird immer gleich als Bedrohung angesehen. Weil wir eben doch Angst haben, plötzlich zum Außenseiter zu werden. Weil wir eben doch Angst haben, Gefühle zu verletzen, eine Freundschaft zu überstrapazieren. Wie können wir das ändern?

Wäre die Lösung, den Typen, der wegen der Flüchtlinge wegzieht, einfach gewähren zu lassen? Eher nicht. Meiner Meinung nach wurde hier die Grenze überschritten, zwischen solchen Menschen, mit denen ich an einem Tisch sitzen möchte, und solchen, mit denen ich das nicht möchte. Hier geht es immerhin auch um mehr als um Politik: Um Menschlichkeit, um Verständnis, um Zukunftsweisung.

Alles was nicht in diese Kategorien gehört bedarf meiner Meinung nach in einer Freundschaft die ganz besondere Fürsorge. Es sind die Dinge, die das Potential bringen wirklich und ehrlich von anderen Menschen zu profitieren. Wenn wir lernen, mit ihnen über Dinge zu reden, die wir selber gar nicht verstehen. Da entsteht Kommunikation auf einer Basis, die jedes Gespräch überdauern kann.

Gerade in Zeiten von Ungewissheit, Terror und Wandel sollte es sich jeder einzelne auf die Agenda schreiben, Politik zurück an den WG-Tisch zu bringen. Keine Angst vor Konflikten zu haben und einfach mal gegoogelt zu haben, was er dort am Rucksack kleben hat.

In diesem Sinne, einen entspannten Sonntagabend mit Euren Lieben.

Folgen ist das neue Danke sagen! Mittwoch kommt der letzte Teil der Trump-Story auf sunnyonpolitics


Den NEON Artikel gibt es nicht online, findet ihr aber in Ausgabe 10/2016 oder auf Blendle.

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Ein Kommentar zu „Du und Deine Meinung #sunnystorytelling

  1. Top Artikel, stellenweise musste ich schmunzeln, woanders nicken. Stimme dir auch im Gesamt-Fazit definitiv zu, und das, obwohl ich selber sogar relativ häufig politische Themen bei sowas bespreche.

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