#6 Sich um seine Nächsten kümmern

Wer sind die Menschen nebenan?

 

Durchatmen. Es ist Freitag. Ich habe eine gespaltene Einstellung zu Freitagen. Sie sind super, weil die Woche vorbei ist und trotzdem noch so viel vor einem liegt. Aber Freitage kommen mit einer großen Erwartungshaltung. Da ist irgendwie immer dieser Gedanke an diesem Abend etwas besonders Wunderbares zu tun und das schlechte Gewissen, wenn man ihn auf der Couch verbringt. Deswegen bin ich irgendwie immer übermäßig dankbar, wenn ich einfach eingeladen werden und mich nicht selbst darum kümmern muss, dass der freie Abend nicht vergeudet ist.

Die Einladung kam zum Essen und sie kam von meinem Nachbarn. Einem großartigen Nachbarn, der mir die Haare macht und mich abfüllt, wenn ich seine Partys scheiße finde. Es sind die kleinen Dinge, die die größten Probleme bereiten. Und die kleinen Dinge, die die größte Freude machen. Und es war einfach nur das Sitzen, Essen und Lachen mit guten Freunden, dass die beste Balance für diesen anstrengenden Tag ausmachte. Und wie das bei so Abendessen eben immer so ist redete und redete und redete man über Gott und die Welt und über sich selbst. Als ich nun als wieder zu Hause bin, frage ich mich, was ich für eine Meinung von ihm hätte, wenn ich ihn nicht kennen würde.

Nachbarn sind in der Großstadt zu Weilen eine komische Spezies. Sie sind die Menschen die uns tagtäglich am nächsten sind. Wir kennen ihre Gewohnheiten, wissen, wann sie kommen und gehen, mit wem sie kommen, wie oft sie kommen. Wir wissen Dinge, die die Fernbeziehung nicht weiß, wir wissen Dinge, die wir eigentlich nicht wissen wollen und im Prinzip wissen wir gar nichts. Abgesehen von diesem einen, kenne ich nicht einen Namen der Menschen, die in meinem Haus wohnen. Aber ich weiß, dass der eine raucht und seine Wohnung nie lüftet, weil man im ganzen Treppenhaus riecht, wenn er seine Tür geöffnet hat. Und ich weiß, dass die unten einmal im Monat die Mädels einlädt und sie irgendwas asiatisches Kochen. Vielleicht Dildos, vielleicht auch Tupperware könnten der Anlass sein, ohne Einladung ist das schwer zu sagen.

Ich weiß auch, dass ihre Vorgängerin diesen Typen hatte, der irgendwie nur Sonntagsabends bei ihr war. Und jedes Mal gegen 11, vielleicht vor, vielleicht nach dem Sex, ging die Streiterei los. Ich weiß nicht worum es ging, aber ich weiß, dass ich mich dann jedes Mal fragte, wann man bei sowas eigentlich Hilfe rufen sollte.

Nachbarn. Das Geschreie, der Geruch, die Musik, das Kratzen, die Schritte, das Ruckeln und der dumpfe Bass – sie gehören zum Stadtleben dazu, wie kalter Kaffee aus Pappbechern. Nicht gerade das Gelbe vom Ei und doch vermitteln sie einem ein ganz eigentümliches Gefühl von Zuhause.

Ein Gefühl, dass gleichzeitig ein ziemlich schmaler grad ist. Ich finde es vollkommen okay, keinen Namen, der anderen Bewohner meines Hauses zu kennen (findet die Glamour übrigens auch) und doch frage ich mich, ob eine paar mehr Worte im Hausflur den Streit und die Zwietracht vermeiden könnten. Denn komischer Weise, sind es die Menschen, die wir weder kennen noch kennen wollen, die uns am nächsten sind und uns folglich auch am meisten auf den Geist gehen. RTL II hat dieses Phänomen mal eine Zeitlang als Sendeformat entdeckt, Lokaljournalismus und Literatur tun ihr übriges. Vor kurzem habe ich noch einen Artikel gelesen, über ein Ehepaar aus England gelesen, deren Nachbarn Teile ihres Hauses abgerissen hatten, während diese verreist waren. In dem Artikel wird nicht genau erklärt, was da schiefgelaufen ist, aber gute Nachbarschaft geht wohl anders.

Naja und mein Nachbar von Gegenüber ist von einem Geräusch, ein Sänger unter der Dusche zu einem Menschen geworden, über den man sich irgendwie freut, wenn seine Tür gegenüber sind Schloss fällt. Das ist vielleicht großes Glück, vielleicht ein großes Risiko, aber ein gutes Essen alle Mal. Und ein guter Freitag in jedem Fall.

In diesem Sinne.

 

Hier die Story mit dem UK-Ehepaar

Hier mein cooler Instagram Account. Ist ziemlich cool.

Funfact: Wenn man Nachbarn googelt, ist der erste Vorschlag „Nachbarn ärgern“.

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