#8 Geschichten an der Bar

 

Original getreu aus dem echten Leben ausgedacht und erzählt

Einer meiner vielen psychotischen Neigungen ist eine schier unendliche Neugier gegenüber den Menschen in meiner Umgebung. Ihr habt vielleicht den leicht stalkerischen Unterton bemerkt, wenn es darum ging, die Gewohnheiten meiner Nachbarn zu analysieren und das ist sicher kein Zufall. Was Domian mit diesem Jahr aufgegeben hat, wird mich nie loslassen: Wissen zu wollen, wer diese Menschen sind, denen man tagtäglich begegnet. Allein eine knappe Millionen in Düsseldorf und ich kenne vielleicht 2 Dutzend gut genug um in etwa zu wissen, was in ihrem Leben vor sich geht. Das fühlt sich manchmal sehr frustrierend an.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Bruder und ich durch Island fuhren und wir draußen, zwischen Vulkan A und Vulkan B, tief unten im Tal ein winziges Haus sahen aus dessen Schornstein noch Rauch kam und wo die auf gehangene Wäsche im Vorgarten im Wind wehte. Ich würde dann am liebsten dorthin fahren, an die Türklopfe und fragen, wer in aller Welt hier draußen in der Pampa lebte, warum er dort lebt, womit er sein Geld verdient, was er Sonntagsnachmittag so macht. Aber ich glaube das ist eine kleine Überschreitung der Privatsphäre und damit im weitesten Sinne ziemlich unhöflich. Ich muss mich also damit abfinden, die zu erfahren wer dort wohnt und warum und bin stattdessen die Genügsame Autorin, die ich nun mal bin und denke mir die Geschichte dieses Menschen einfach aus. Die Bild ist damit ja schließlich auch ordentlich erfolgreich und was man als investigativen Journalismus tarnen kann ist in Wirklichkeit nichts anderes als wilde Geschichtenspinnerei. Ihr denkt ich sei verrückt? Ihr macht das auch ganz oft. Im Ernst.

Gestern Abend zum Beispiel war ich mit ein paar Leuten in einer Bar (den Namen sollte ich wegen Rückschlüssen und so lieber nicht nennen) da saßen an der Theke auf der Ecke zwei Mädels. Hier ist was wir wissen: Aufgrund der Wahl der Lokalität und der Position an der Bar waren wir uns eigentlich sicher, dass die zwei nur rausgegangen waren um Männer aufzureißen. Und das schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Denn die andere hatte ganz offensichtlich ihr bestes Kleid mit Spitzen Ausschnitt aus dem Esprit Katalog von 2011 wieder herausgeholt, dass sie so selten trug und so unbequem war, dass sich ihre Hand öfter von ihren Schultern als an ihrem Drink hatte. Die andere war dabei eher die gute Freundin, die mitkommt, aus gutmütiger Ego Solidarität. Denn sie hatte ihr Handy gegen das Thekenende gelehnt und wartete offensichtlich darauf, dass der Bildschirm wegen einer Nachricht aufleuchtete. Wenn ich mal raten müsste, würde ich sagen, sie wartete auf die Nachricht von einem Mann. Vielleicht aber auch, war sie mitgekommen in der Hoffnung jemanden kennen zu lernen, der in der Lage war zu kommunizieren wie in normaler Mensch, sodass sie nicht mehr 24/7 ihr iPhone anfiebern müsste.

Das sind die einfachen Opfer und ihr könnt nicht bestreiten, dass ihr im Hipster Kaffee nicht auch gerne den Platz am Fenster habt um draußen die Leute zu beobachten. Aber einen auf Sherlock zu machen und auf Grund von Äußerlichkeiten den Beziehungsstatus zu erraten finde ich zum einen nicht unterhaltsam genug und zum anderen möchte ich auch in Zukunft nicht als Soziopatin bezeichnet werden. Was ich mich frage, sind die privaten Dinge. Was machen diese Leute, wenn sie nach Hause gehen, wer erwartet sie da? Worüber denken sie nach, was beschäftigt sie? Warum treffen sie die Entscheidungen, die sie treffen, was wissen sie, was ich nicht weiß.

Der Geist der Menschen steckt nicht in ihren Wesen oder in ihren Persönlichkeiten, sondern darin, was sie im Leben gemacht und erlebt haben. Die schlechte Nachricht ist, dass mein Geist dann im nachstehen anderer Leute bestehen könnte.

Aber habt ihr euch noch nie gefragt, wer schon in eurer Wohnung gewohnt hat, was hier schon alles passiert sein könnte? Fragt ihr euch nie, wer die Busfahrer, die Paketboten, die Kellner und Obdachlosen im Park sind. Ironischer weise lernt man sie vermutlich genau dort kennen, wo wir sie lieber nur beobachten, anstatt wie ein normaler Mensch zu kommunizieren: An der Bar.

Vielleicht sterbe ich aber auch heute an meinem Kater. Dann werde ich auch sicher nicht erfahren, ob die eine im Esprit Kleid noch einen aufgerissen hat.

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