#14 Ein bisschen Deep-Talk

Über das Glück und das Glücklichsein, die Frequenzen, die Anfängen des Internets und einen mittelprächtigen Samstag

Samstag.

Heute morgen. So gegen 1. Saß ich vor der Süßen Erinnerung, habe Kaffee getrunken, vegane Muffins gegessen, geraucht und Zeitung gelesen und vor allem habe ich so getan, als sei es Sommer und 30 Grad und so als würde ich nur das schöne Wetter genießen und nicht der Tatsache ausweichen, dass meine eigene Kaffeemaschine entkalkt werden möchte – da war ich ziemlich glücklich. Ich kann es ja nie oft genug sagen, aber es sind die kleinen Dinge, die die größten Probleme verursachen und freilich auch die Kleinen, die am glücklichsten machen. Diese kleine Frequenz ist nichts desto trotz nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, in einem kompletten Leben, mit allem was dazu gehört. Das bedeutet sicher nicht, dass ich Allgemeinen sehr unglücklich bin, aber es schon ein bisschen mehr bedarf, als kalkfreier Kaffee und eine Rheinische Post um echtes Glück im Leben zu generieren.

Mit aller größter Wahrscheinlichkeit wird dieser Artikel wieder eine recht umständliche Veranstaltung, um zu erklären, was irgendwie auf der Hand liegt. Die gute Nachricht ist aber, dass heute viel Zeit habe um die ganze Chose einigermaßen anständig zu recherchieren. Alle Links findet ihr wie immer am Ende. Viel Spaß:

Vor circa einer Woche hat Pewdiepie ein Video mit dem Titel „Forced positivity“ hochgeladen. Er sprach darüber, wie er früher und andere YouTube heute ein Abbild ihres Lebens geben, was nach einer Anreihung von eben diesen super positiven, glücklichen Frequenzen aussieht. Am Anfang des Tages, weil es einfacher von der Hand geht, so zu tun als sei man immer glücklich, als die Wahrheit in einer Art und Weise zu präsentieren, die in keinen Schutzraum der anderen greift und am Ende des Tages um Klicks zu generieren.

Das Schöne an diesen Videos von Pewdiepie ist, dass ganz YouTube sie sieht und im Zweifel auch seinen Senf dazu gibt. Casey hat daraufhin seine eigenen Erfahrungen dazu geteilt, wie es ist als täglicher Vlogger den Filter für das Gute und das Schlechte richtig zu setzen. Dem kritischen Auge der Betrachter geht es nämlich um folgendes:

Das Internet war lange Zeit dieser künstliche Schutzraum fern ab unserem realen Leben, in den wir uns zurückziehen konnten und uns von Katzen Videos, Memes, Spiel, Spaß und Spannung berieseln lassen. Jede Art von überheblicher Gefühläußerung wird hier gerne verspottet, weil es seltsam ist, wenn so viel Echtheit mit so viel Künstlichkeit kollidiert. Zur Anonymität des Users gehört ja auch, sich so wenig menschlich wie möglich zu verhalten und Gefühle fügen sich da nur schwer dem Thema. Von diesem Internet, von dem hier die Rede ist, damit meine ich alles Jenseits der letzten 10 Jahre. Ich rede hier von der Geburtsstunde des World Wide Web als Unterhaltungsmedium, lange bevor wie angefangen haben auch in dieser Welt unsere Fingerabdrücke zu hinterlassen. Aber wie das mit den Anfängen immer so ist: Sie lassen sich nur schwer abschütteln. Ein bisschen erheben wir ja doch noch ein bisschen den Anspruch, abends unsere Macs anzuschmeißen und etwas Ablenkung von unserem eigenen Elend zu erfahren. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass viele Creator den Anspruch erheben nur mit der Demonstration des Immer-Glücklichen-Psycho-Daseins Erfolg im Netz zu haben. Diese Rechnung hakt aber an einem entscheidenden Punkt: Der Content im Netz ist auch nicht aus dem Boden gesprossen, sondern kommt von echten Menschen. Und Menschen sind nicht immer glücklich.

Manchmal kommt es mir so vor, dass der Mensch das Netz nicht echter gemacht hat, sondern die Menschen im Netz unsere Leben nur künstlicher. Auf Instagram, YouTube, Pinterest und Co tagtäglich von strahlenden Gesichtern, positiven Zitaten, schönen Orten, aufregenden Leben, uns glücklichen Menschen zugeballert zu werden, mag zwar besser sein, als weinende Emo Gesichter und tiefschürende Storys über Missbrauch, Mord und Totschlag, aber macht euch nichts vor: Euer echtes Leben, jenseits der Bildschirme wird dadurch auch nicht besser, aufregender, schöner, oder glücklicher.

Ich persönlich vertrete die schlichte Meinung, dass der Sinn des Lebens das Glücklichsein ist. Aber ohne sich zu Vertun: Der Sinn des Lebens als Solches, als großes Ganzes, vom Weltallaus betrachtet.  Heran gezoomt jedoch, kann man nie jeden Tag dazu zwingen immer nur gut zu sein. Und sich das einzubilden macht einen dauerhaft wahrscheinlich auch nur noch weniger glücklich.

Und wir gerade bei Pewdiepie sind, bediene ich mich auch noch einer Quelle, die er genannt hat: Ein Artikel in der Washington Post, mit einem Interview einer Harvard Professorin mit eben diesem Thema: Gezwungen positiv zu denken, macht uns nicht automatisch glücklicher. Es entwirft nur eine Blase, in der wir versuchen der Realität zu entgehen, weil wir gelernt haben uns einzureden: Sei einfach Positiv und alles wird gut werden.

Ich will es mal so auf den Punkt bringen: Positiv denken allein, kann kein echtes Glück erschaffen, genau wie draußen Zeitung lesen, bei 3 Grad. Aber Negativ denken, macht deswegen sicher nicht glücklicher.

Die Quintessenz, der Mittelweg, der dieses Problem lösen könnte, ist der produktive Ansatz. Wenn du deinen Job scheiße findet, macht ein „Think positive and your dreams will come true“- Zitat von Trumblr ihn nicht besser. Sich aber wirklich und rational anzusehen, was an deinem Job gut ist und je nach kürze der Liste ihn aufzugeben, ist wesentlich zielführender.

Also, zwei Videos, ein Artikel und wir wissen: Positiv zu denken, ohne positiv zu handeln, ist wie loslaufen ohne einen Ort zu ankommen.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, vor einem guten Jahr beim Japaner auf mein Sushi gewartet zu haben und dort in der Westfälischen einen Artikel von Roggenkamp gelesen zu haben mit dem Titel: „Diktatur des Bösen“. Dieser kritisiert Angela Merkel’s Flüchtlingspolitik auf eine recht spannende Weise. Auch wenn ich diese Kritik nicht zu Gänze teilen kann, bringt dieser Artikel allerdings eine Wahrheit auf den Punkt, die im Internet, in der Gesellschaft und in der Politik wahr bleibt:

Immer wieder zu sagen, dass wir es schaffen, macht es nicht schaffbarer, wenn wir uns darüber nicht darauf konzentrieren, wie wir es schaffen. Uns glückliche YouTuber im Internet anzusehen macht unser Leben nicht besser und uns diese zum Vorbild zu machen, ist ein derart unrealistisches Ziel, dass das nur nach hinten losgehen kann. Sich mit dem Negativen auseinanderzusetzen, macht das Positive nicht schlechter. Auch mal unglücklich zu sein, macht unser Leben nicht unglücklich.

Und auch ich muss nicht immer über CleanEating, Netflix, Veganismus Sport und Stalking schreiben. Wenn ich Bock auf DeepTalk hab, gibts eben DeepTalk.


Pewdiepies Video

Casey Neistats Video

Washington Post: A Harvard psychologist explains why forcing positive thinking won’t make you happy

Wiedergefunden zwar nicht in der Westfälischen, aber in der Jüdischen Allgemeinen: Diktatur des Guten

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3 Kommentare zu „#14 Ein bisschen Deep-Talk

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