#16 Neulich auf der Charlottenstrasse

Wie war das noch gleich mit der Liste vom Wochenende? Die liegt immer noch hier! Und weil ich heute ansonsten nichts Anderen präsentieren kann, arbeite ich mal weiter ab. Es geht um eine Geschichte von Samstag, die sich zwar irgendwie schon jetzt als und schon immer abgedroschen anfühlt, aber weiß – vielleicht ist sie ja trotzdem interessant.

Nach einem gewöhnlichen Abend mit meinem Nachbarn, einer Flasche Rotwein und dem Dschungelcamp endeten wir, wo die besten Samstagabende enden und die schlimmsten Sonntagmorgen beginnen: Betrunken in einer McDonalds Filiale, wo man dann abwechselnd seine Chickennuggets in die SnapChat Kamera hält und über den richtig deepen Scheiß redet, bis man dann, zusammen mit jeweils 2 Happy Meal Luftballons in Taxi steigt und für immer vergisst, worüber mein eigentlich geredet hatte.

Und so was es auch. Denn die Pointe dieser Geschichte ist keine originelle Unterhaltung, keine Schlägerei, kein FastFood Horror Erlebnis, sondern die schlichte Erkenntnis, das McDonalds zusammenführt, was zusammengehört: Das Ende einer langen Nacht.

Ein kleines Detail dieser Szene ist nämlich, dass wir dort nicht bei irgendeinem McDonalds saßen, sondern in dem an der Charlotten Straße. Während wir also versuchten unsere Köpfe mit Tierabfällen und altem Bratenfett zum runterfahren zu zwingen, gingen die Prostituierten auf dem Nachhause weg noch ihr Frühstück holen.

Wisst ihr, auch wenn ich einer Großstadt großgeworden bin, weder prüde oder 14 Jahre alt bin und obwohl ich quasi ohne Gerechtigkeitssinn auf die Welt gekommen bin, hat das Thema Prostitution eine seltsame Anziehungskraft auf mich. Ich weiß noch, wie ich schon lange vor der Volljährigkeit Bücher wie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Fucking Berlin oder die Wanderhure verschlungen habe. Und genauso erinnere ich mich an einen Nachmittag, wo ich von Koblenz aus zurück nach Düsseldorf fuhr und die A61 gesperrt war. Mein Navi leitete mich dann über eine Umleitung durch Kölner Außengebiet und wo ich da so an der roten Ampel stand und den Blick streifen ließ, blickten plötzlich ein paar Augen und ein paar Brüste aus einem Wohnwagen zurück. Ohne es zu merken, war ich mitten im Industriegebiet am Eifeltor.

Zuhause habe ich die Gegend dann mal gegoogelt und fand Seiten über Seiten im Netz, von Berichten, Foren und Infoseiten. Dort erfuhr man, dass der größte Teil dieser Wohnwagen den Hells Angels gehörte und dass man am Eifeltor, alles bekam, wenn man nur an die richtigen Türen klopfte. Mich erinnerte das paradoxer ein bisschen an die Sorte Websites die man durchforschte, wenn man Erfahrungsberichten zu Restaurants, Elektrogeräten oder Autoverleihungen suchte. Paradox, weil sich diese Websites schon beinahe normal anfühlten, diese Frau so unvermittelt, so nah neben mir in dem Wohnwagen zu sehen, allerdings nicht.

Die Sache ist die: Ich persönlich meine zwar, dass jeder das Recht hat mit seinem Körper zu tun und zu lassen, was er möchte und ich es lächerlich finde, dass einige Länder die freie Prostitution verbieten, aber ich kann auch nicht abstreiten, dass man sich beim McDonalds auf der Charlottenstraße mit einer gewissen Parallelwelt konfrontiert fühlt. Nichts daran ist in den Sinne verboten, kriminell oder ungewöhnlich und trotzdem ist das älteste Gewerbe der Welt, dann doch mehr als ein Gewerbe, wenn man wie ich, nicht aufhören kann über den Sinn der Leben anderer Menschen nach zu denken.

Während ich jeden Tag meiner normalen Wege gehe, einem Job und meinen Hobbys nachgehe, konsumiere, Geld verdiene und ausgebe, es einen Wirtschaftszweig, ja, eine ganze Welt gibt, die wir tagsüber nicht sehen und wir deshalb als zu exotisch aus unseren Lebens ausschließen. Die Mädels, die aber nachts um 4 zu McDonalds gehen, wie ich – gehen auch mittags um 3 zum Rewe, wie ich.

Auf der Toilette war eine Frau, vielleicht 2 oder 3 Jahre älter als ich, sie stand vor dem Spiegel und ihren Kajal nach, als sie innehielt und in ihr Spiegelbild starrte – ohne zu merken, dass ich auch da war und meine Hände waschen wollte. Ich erkundigte mich, ob alles okay sei und sie nickte. Aber ich kann nicht aufhören, mich zu fragen, wer dort wohl zurück gestarrt hat.

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