#36 Die ganz-oder-gar-nicht Feministen

Aber Sarah,

wenn du das das sagt, dann kannst du doch gar nicht, wenn du das tust und gleichzeitig das magst, dann ist das doch und du bist doch gar nicht richtig, wenn eigentlich und meinst du nicht, du solltest, weil eigentlich, wenn man es mal so sieht, dann ist das schon so. Ansonsten bist du ja gar nicht wirklich so feministisch, wie du immer meinst.

Nein, einfach nur nein.

Bevor die ersten Universitäten die ersten Bachelor Diplome in „Proper Feminism“ verteilen, will ich mal mit ein paar Dingen aufräumen. Es geht um das müssen und nicht dürfen, weil man etwas sagt oder tut, was man eigentlich gar nicht meint und eigentlich gar nicht will und eigentlich auch gar nicht versteht.

Zeit für eine kleine Erklärstunde:

Fe·mi·nịs·mus

Substantiv [der]

  1. eine Ideologie und gesellschaftliche Bewegung, die die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen und eine Veränderung der gesellschaftlichen Rollen von Frauen anstrebt

In dieser wunderbaren Definition, danke Google, ist alles aufgeführt, was man zu dem Thema wissen musst. Das bedeutet, wenn du findest, dass Frauen und Männer in der Gesellschaft und allen Lebensbereichen gleichgestellt sind, dann bist du ein Feminist, ob es dir passt, oder nicht. Google hats gesagt.

Klären wir doch kurz, was Lebensbereiche sind und was Lebensbereiche nicht sind. Und klären wir, was es heißt gleichberechtigt zu sein.

Lebensbereiche sind all die Dinge, die mir jeden Tag widerfahren, wenn ich morgens aufstehe, bis zu dem Punkt, an dem ich abends einschlafe. Alles was ich tue, alles was ich sehe, höre, lese, wie behandelt werde, wie ich einkaufe, wie ich mich Kleide, wie ich rede und wie mit mir geredet wird, das sind Lebensbereiche.

Die ganz-oder-gar-nicht Feministen missverstehen diesen Teil der Definition wie folgt: Jedes Mal, wenn ich etwas tue, etwas sehe, höre, lese, wenn ich irgendwie behandelt werde, wenn ich irgendwie einkaufe, wenn ich mich irgendwie kleide, wenn ich irgendwie rede, oder mit mir geredet wird, wie es nicht meinem illusionären Bild von „Frau“ entspricht, dann gilt es feministisch dagegen vorzugehen.

In der Definition ist von persönlichen Befindlichkeiten allerdings keine Rede. Auch ist hier nicht die Rede davon, dass Raum und Zeit plötzlich egal wird, dass man alles in die Waagschale werfen sollte, was es da draußen so gibt, alles dreimal zerreden und sich Leben mit dem ständig „offended“-sein versauen soll. Dann würde die Definition vermutlich auch raten, einfach gar nicht mehr zu reden, sondern alleine eingesperrt, in einem lichtleeren Raum ein einfaches, feministisches Dasein zu fristen.

Stattdessen ist aber die Rede von „gleichberechtigt“, darin kommt also das Wort „Recht“ vor. Wenn ihr euch also mal nicht sicher seid, ob ihr noch eine waschechte Feministin seid, habe ich gute Neuigkeiten: Ihr braucht den Bachelorabschluss doch nicht. Wenn ihr in einer Situation seid, wo ihr euch fragt, ob man etwas sagen oder unternehmen sollte, fragt euch einfach: „Wird hier gerade einem Mann oder einer Frau ein Recht auf Gleichberechtigung genommen?“

Dazu gehört, zum Beispiel, alles was sich im öffentlichen Raum abspielt. Zwischen echten Menschen. Die es wirklich gibt und die wirklich bewusst handeln und Entscheidungen treffen.

Und vor allem darf man nie vergessen, dass Feminismus unser aller Leben einfacher machen soll und nicht noch schwerer.

Ja, ich kann Rap Musik hören. Es ist okay, wenn der Mann bezahlt. Ich lass mir gerne mit meinem Auto helfen. Ich kann auch Jeans kaufen, weil mein Arsch darin gut aussieht. Ich muss meine Getränke im Club nicht selbst zahlen. Ich stehe auf der Liste, weil ich gut aussehe. Ich färbe meine Haare gerne Platin blond. Ich finde Unrasiertsein hässlich.

Nein, du kennst mich nicht so nennen, wie Eminem seine Frau. Ja, ich zahle auch oft genug. Nein, ich muss nicht alles können, kann er ja auch nicht.  Nein, du kannst meinen Arsch deswegen nicht anfassen. Ich zwinge dich nicht, mich einzuladen, aber ich will auch nicht unhöflich sein. Ich stehe vor allem auch gerne auf der Liste, weil ich mir den Scheiß sonst nicht leisten könnte. Meine Haare sehen Platin einfach besser sein. Jeder hat das Recht auf persönliche Entscheidungen.

Wenn ihr Menschen seid, seid ihr auch Feministen. Führt euch doch öfter mal auf, wie ein Mensch. Für den Anfang.

Advertisements

2 Kommentare zu „#36 Die ganz-oder-gar-nicht Feministen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s