#37 Der Superbowl-Commercial-Montag

Es ist nicht nur Montag. Für manche ist heute der Montag aller Montage.

Heute startet das neue Schulsemester, Angela Merkel ist offizielle Kanzlerkandidatin für die Union und gestern war der Super Bowl. Wichtiger natürlich noch, als das große Spektakel selbst ist der Tag danach. Deswegen vielleicht auch das riesen Verlangen danach, dass der Tag nach dem Super Bowl ein Feiertag werden sollte? Super lächerlich? Finde ich auch. Aber was für uns Deutschland im WM-Finale ist, ist für die USA der Superbowl. Getoppt durch die Tatsache, dass der Superbowl jedes Jahr passiert und Deutschland im WM Finale … naja, ihr wisst ja.

Feiertag hin oder her, ich kann euch versprechen, wenn heute Morgen jemand gerädert und mit doppeltem Espresso vorm Rechner saß, dann sind das die Leute aus der Werbung. Denn sie wollen wissen, wie ihre große, scheinende Stunde aufgenommen wird.

Vorab, wie vielleicht schon erwähnt arbeite ich in der Werbung und hab daher eine gewisse Innensicht auf die Dinge, die viele als total überholt empfinden. Wenn ihr also denkt, dass Werbung nur die nervige Unterbrechung eures Entertainmentprogramms ist, die euch dazu bringen soll, Dinge zu kaufe, die ihr nicht braucht, mit Geld, was ihr nicht habt und Argumenten, die ihr nicht versteht, dann bin ich gerne da um euch eines Besseren zu belehren.

Also, zurück zur Geschichte, die Werbemenschen sitzen also am Arbeitsplatz und durchforsten gespannt die Nachrichten und das Social Web um zu sehen, wie ihre Spots abgeschnitten haben. (Das ist nur halb wahr, vermutlich gucken die Werbeleute zu aller erst auf die Quoten, aber tun wir mal so …). Dieses Jahr hat der Sender Fox eine Rekordsumme von 5 Millionen US Dollar für 30 Sekunden Sendezeit verlangt. 30 Sekunden auf der Rangliste der großen und berühmte, der schillernden Sternchen im Konsum Himmel.

Was Super Bowl Commercials angeht, so zeigen sie eine Seite der Werbung, die eigentlich jeder liebt. Kein M&M der Welt bezahlt 5 Millionen Dollar (für den reinen Sendeplatz), in der Hoffnung in der folgenden Zeit dann diesen Preis mit dem Verkauf von Schokoriegeln wieder einzuholen, nein hier geht es um mehr. Dieses Geld, was dort angelegt ist, lässt sich, so würde ich behaupten, materiell gar nicht zurückholen. Diese Marken buchen ihre Plätze um ihren Teil zu einem Gesamtbild beizutragen, dass uns sagt, wie wir die Welt sehen. Wie wir kaufen, wie wir denken, wie wir fühlen und was uns bewegt. Denn ich kann euch auch versprechen, inhaltlich wird in diesen Commercials nichts dem Zufall überlassen.

Hier ist also, was wir vom Super Bowl und seiner Werbung lernen können:

Einwanderung geht jeden etwas an.

Anheuser Busch, Turkish Airlines, 84 Lumber, Airbnb. Sie alle und vermutlich noch mehr, haben ein Thema aufgegriffen, was aktueller nicht sein könnte. Unternehmen, deren Daseinsberechtigung einzig und allein auf Multikulti beruht. Ob durch Immigranten aufgebaut, oder dem vernetzt von Menschen verschiedener Kulturen verschrieben, eine Welt ohne ein Miteinander ist in 2017 nicht mehr möglich. Und das Miteinander hat eben auch hässliche Seiten. Mauern zum Beispiel. Diese hätte 84 Lumber in seinem Spot gerne gezeigt, der Trumpnahe Sender FOX hat den Spot aber zensiert. Zu drastische Realitätsdarstellung mag der neue „Präsident“ wohl nicht, erfüllt seinen Zweck aber trotzdem: Beste PR für das amerikanische Familienunternehmen.

Anheuser.

Turkish Airlines.

Airbnb.

84 Lumber. (Zensiert)

Frauen gehen jeden etwas an.

Besonders in der einer Autowerbung erwartet man Frauen in einer eher fragwürdigen Stellung, Audi überrascht hingegen mit einem Tribut eines Vaters an seine Tochter. Er fragt sich, wie er ihr erklärt, warum die Welt für sie ein bisschen weniger Fair ist, als für einen Jungen, er fragt sich, warum er ihr das überhaupt erklären muss. Was das nun mit Autos zu tun hat, kann ich euch zwar auch nicht sagen, aber es ist ein guter Spot mit Tiefe ohne den Rahmen einer Autowerbung zu sprengen.

Gibt’s hier.

Noch nie war’s so politisch.

Wenn ich an Super Bowl Commercials zurückdenke, denke ich an nackte M&Ms, an große Bilder, gute Jokes und viele schönes, teure Werbepreise. Ich denke an richtig gute Kreation, die Marken zu Marken machen und nicht zu Firmen oder Produkten. Diese Werbung erklärt, warum wir konsumieren, wie wir es tun, warum wir sind wie wir sind, aber noch nie, war es so politisch. So wenig heiter, so unkonventionell drastisch, so schwierig. Es liegt daran, dass die Welt schwierig ist und drastisch und so wenig heiter. Es liegt daran, dass die USA leidet, dass die Welt an sich selbst leidet und wir nicht wissen, wie laut man noch schreien muss.

Jetzt wisst ihr, warum ihr Dinge kaufen sollte, die ihr nicht braucht, mit Geld was ihr durchaus habt, aus Argumenten, die ihr nun schon versteht: Weil Werbung euer Weltbild prägt.

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