Der große Edeka-Diss

#issso. Was im Ruhrgebiet hinter jede Diskussion einen Punkt setzt, dient bei Edeka als Doppelpunkt. Schade. Oder gut?

Willkommen zum Sunnysunday! Am Donnerstag. Ich schulde euch noch einen letzten Artikel vom Wochenende, dann geht wieder normal weiter.

Vor einer Woche oder so, stieß ich auf einen Artikel von einem meiner Lieblingsblogs, kleindrei, der in epischer Breite über einen Werbespot von Edeka stänkerte. Es beschämt mich ein bisschen, dass ich besagten Spot bis dato nicht kannte, immerhin arbeite ich ja in der Werbung und bin so aufmerksam und so weiter und sofort, aber im Zeitalter des WordWideWebs habe ich getan, was ihr nun auch tun könnt (und solltet), die Lücken schließen, die sich euch auftun.


Also: eine unzufriedene, eingeengte Gesellschaft flüchtet sich in eine Parallelwelt, in dem sie an den alten Dorfwerten festhält: Esst was auf den Tisch kommt, sagt, was auch die Eltern schon gesagt haben, tut, was alle immer tun und auch sonst bitte nicht fragen, nicht wünschen und nicht denken. Klingt meiner Meinung nach gefährlich nach Obersächsischen Doppelhaushälften Besitzer und den kleinen Orten in Oberfranken, in denen die Umlackierung des Ortschilds von weiß auf gelb der Eklat des Jahrzehnts war. Wer neben Feuerwehrfest, Kirchweih und Spanferkelessen sich ab und an mal eine Pause gönnt scheint zu Weilen sehr, sehr unzufrieden mit seinem Leben. Nicht des Landlebens wegen, sondern wegen der undurchdringlichen Blase, die nichts hinein und nichts hinauslässt, von dem, was diese kleine, feine Dorfwelt für richtig und anständig hält.

Seltsamerweise steht Essen da oft im Vordergrund. Denn gefrühstückt wird vor der Gartenarbeit und nach der Kirche, Kaffee vor dem Friedhof, Mittag vor dem Kuchen, Kuchen vor dem Abendbrot, Mittagreste vor dem Schlafengehen und Kuchenreste zum Nachtisch. Es geht zwar ums Essen (in dem Werbespot), aber nicht um Lebensmittel, um das Kochen, die Auswahl und die Kultur, sondern das Essen um eben nicht zu verhungern. Und weil das wesentliche immer hängen bleibt, spart man sich direkt die eben aufgezählte Abfolge und vereinfacht die Chose durch angedickten, grünlichen Brei. Die Macher müssen wohl noch schwer unter ihrer Schwarzwald Depression leiden, wenn Omas sonntäglicher Hackbraten diese Assoziation entworfen hat, aber das Bild tut ja schon sein Übriges und wir können alle nachvollziehen, was es heißt, den Spaß am Leben verloren zu haben.

Diese Gesellschaft sie löffelt und löffelt also und ignoriert mit beneidenswertem Eifer, die Tatsache ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein kultiviertes Wesen mit Empfindungen und Meinung zu sein und gaukelt vor, was in ihrer Auffassung nach das Anerkennen einer guten Mahlzeit ist.

Aber schon schlauere Menschen vor Edeka erkannten: Du bist, was du isst. Oder um mal kurz den Empörungsschrei abzufangen: Du fühlst dich so, wie du isst. Ergo, wer scheiße isst, fühlt sich auch scheiße. Und diese Menschen, (in dem Werbespot) sind fett. Übertrieben fett, auf eine Comic-Weise, die man nicht wirklich ernst nehmen kann, aber auch nicht verharmlosen sollte.

Der Junge eifert dann seinem Freund, dem Vogel nach, nimmt ab, kann endlich fliegen, ist glücklich. Happy End. Artikel zu Ende. Gute Nacht.

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Nein, natürlich nicht.

Einen Kommentar den ich in meiner Recherche dann oft gelesen habe, ist: „hört auf, Dicke zu dissen.“ Und auch wirklich mit dieser Wortwahl. Ich mein, „Dissen“?! Das ist an sich schon sehr komisch und meist noch gepaart mit ermüdenden Argumenten, wie: „Ihr wisst aber schon, dass es genug Leute gibt, die wegen ihrer Krankheit übergewichtig sind, oder?“.

Ja, es gibt auch genug Leute, die ohne zu Rauchen am Lungenkrebs gestorben sind. Trotzdem sagt man Niemandem, dass Rauchen eine gute Idee ist.

Übergewicht führt eben zu ernstzunehmenden Erkrankungen. Und schlimmer noch, es hält betroffene davon ab, ihr Leben so leben, wie sie wollen, so fit und aktiv zu sein, wie sie müssten. Eine selbstverschuldete Bedrohung an die Gesundheit, die nicht nur langfristig zu massiven Problemen führt sondern auch sehr kurzfristig die Lebensqualität gut und gerne mal halbiert. Und nein, hier geht es nicht um Bodyshaming und Frauen oder Männer die ein paar Kilos mehr oder weniger auf den Rippen haben, hier geht es um Leute die massiv adipös sind. Leider, werden diese zwei Dinge oft in einen Topf geworfen, was die Diskussion so brisant macht und so ermüdend.

Von äußerlichen Empfindungen ist weder in Edeka’s Spot, noch in meiner Ansicht die Rede. Vielmehr geht um den Anstoß zum Umdenken und zum Verändern seiner Lebensumstände durch die einfache Normalisierung seiner Ernährung. Aber wer Dicken sagt, dass sie sich krankmachen, wird meist mit der Arroganz konfrontiert, man bemängele ihr Äußeres, aber das stimmt kein bisschen. Man bemängelt hier viel mehr einen falschen Lebensstil, eine Sucht die wegen ihrer Verbreitung einen festen Platz in der Mitte der Gesellschaft gefunden hat. Wir alle müssen essen. Alkohol trinken und rauchen müssen wir nicht. Das verleitet zu der Illusion, man müsste in Punkto Nahrung keine Regeln befolgen, könne schlemmen und genießen, wie es einem passe und habe nicht mit Konsequenzen zu rechnen. Kann man ja auch. Aber dann ist man eben nicht so, wie der, der man sein möchte, wie man sein könnte.

Danke Edeka, für einen wirklich guten Awareness-Spot. Für die Verantwortung, die ihr als Lebensmittel-Provider Nr. 1 tragt, dafür dass ihr die Kontroverse aushaltet und auch mit denen Klartext sprecht, für die ihr immer der sichere Heimathafen der guten alten Dorfkultur wart.


kleinerdrei Artikel

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