#NRWählt: Die Unwählbaren

Macron siegt, Le Pen verliert. Trump siegt, die Mäßigkeit verliert. Brexit gewinnt, Europa verliert. Die Engländer verlieren. Alle verlieren. Die Besorgten gehen spazieren, die Demokratie verliert. Die AfD macht Wahlkampf, ich verliere den guten Glauben.

Ich will das nicht tun, aber ich muss.

Das Wahlprogramm der AfD, es beginnt mit einem Zitat von Heinrich Heine, geschrieben in gutbürgerlicher Word-Schreibschrift-Typo: „Diejenigen fürchten das Pulver am meisten, die es nicht erfunden haben.“ Mit meinen Bescheidenen Fähigkeiten die aus dem Deutsch Leistungs-Kurs hängen geblieben sind, würde ich sagen damit ist gemeint: Was wir nicht kennen, oder nicht verstehen, das mögen wir nicht, davor haben wir Angst. Was dieses Zitat im Wahlprogramm der AfD verloren hat, kann ich euch mit letzter Sicherheit auch nicht sagen. Viele Dinge in diesem Programm klingen auf den ersten Blick anders, als gemeint sind. Sorgfältige Leser sind hier im Vorteil, schade, dass die unter AfD Wählern meist Mangelwahre sind. Leider gibt es keine Kurzfassung, deswegen werdet ihr mit einer sehr selektiven Analyse des 84-Seiter vorliebnehmen. Inhaltliches auseinander zu nehmen scheint mit im Fall AfD obsolet, daher will ich mich mehr auf den stilistischen Trend in diesem Programm widmen.

Hier sind meine Lieblingsstellen:

Die AfD steht für eine altersgemäße Sexualerziehung ohne (Gender-)Ideologie.

Hört sich an wie: Wir erklären den Kids, wie es wirklich läuft, bevor sie denken, Pornos spiegeln eine normale Beziehung zwischen Mann und Frau wider.

Wer lesen kann lernt aber: „Sexualpädagogik der Vielfalt“ verhunzt unsere Jugend mit Vorstellungen, die sie in dem gegeben Alter noch nicht ertragen können. Da sind (Hetero-) Pornos die besseren Lehrmeister.

Die AfD will die Entwicklungschancen von Jungen und Männern fördern

Hört sich an wie: Fördern ist nie verkehrt

Wer lesen kann: Ein Plädoyer darüber, wie Jungen und Männer ja hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, da Ihnen die Vorbildfunktion eines starken Mannes in ihren Leben fehlt.

Mir klingeln die Ohren da nach Vokabeln wie „Memme“ oder „Verweichlicht“, Worte die meine Kinder nicht mehr lernen sollten.

Die AfD fordert die Stärkung der Lehrkraft als erzieherische Autorität im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen

Hört sich an wie: Mit starke Hand müssen die bösen Schüler gemaßregelt werden, alle Mittel der Erziehung sind Zulässig, außer eben der Rohrstock, weil Verfassung.

Meint auch genau das.

Soziales Fehlverhalten sollte auf den Zeugnissen schriftlich vermerkt werden, denn hey – wer von uns steht bei der ersten Jobbewerbung nicht gerne für die Verfehlungen der 10. Klasse ein?

Die zukünftige Parlamentsgröße soll von der Höhe der Wahlbeteiligung abhängen.

Hört sich an wie: Wer sich seiner Nationalenpflich versperrt und seinen freien Willen auslebt, in dem er auf sein Wahlrecht verzichtet und nimmt was kommt, der sollte in einer Demokratie gar nicht mehr vertreten werden.

Meint auch genau das.

Warum ist das alles so sonderbar?

Das ist es wirklich. Dieses Wahlprogramm vereint Erz-Konservatismus und Pseudo-Liberalität in einem riesen großen, bunten Zirkus. Dieses Wahlprogramm hat der Art viele Punkte zu der Art unterschiedliche Themen, die zwar nach Themen, aber nicht nach Priorität geordnet sind. Schwer zusagen, was damit bezweckt wurde, vielleicht: Wie schreibe ich ein Wahlprogramm, wo für jeden Wähler zumindest IRGENDWAS dabei ist? Oder, wie schreibe ich ein Wahlprogramm, was die Parteimitglieder so befriedigt, dass wir personell nicht noch weiter ausdünnen?

Sicher, ich bin voreingenommen, sogar sehr. Aber egal, wie es drehe und wende ich kann diesem Programm nichts nützliches entnehmen. Hier geht es nicht um mein Bundesland und auch nicht um die Probleme, mit denen ich kämpfe. Es ist ein „Lerne-die-AfD-Kennen“-Pamphlet, dass vielleicht ein paar Fragen zu der Einstellung dieser Partei beantwortet, aber freilich keine über eine etwaige Legislaturperiode.

Aber es bestürzt mich auch. Was ich als provokanten Müll beiseite lege, ist für viele eine tatsächliche Alternative. Eine echte Chance für Deutschland. Viele Menschen lesen das und denken sich: Ja, endlich sagt es mal einer. Die Zweifel lesen die Headlines und denken sich: Ja, soo rechts ist das ja gar nicht.

Die Frage, die mich so nervt an dieser Sache ist nicht, ob wir Nazi-Deutschland 2.0 heraufbeschwören und auch nicht, ob diese Wähler und Parteifreunde einfach nur als Feindbild der westlichen-Lila-Laune Welt herhalten müssen. Nein, mich nervt, dass es heute zu politischem Interesse gehört, sich mit der Art konservativen Dummgeschwätz auseinander zu setzen.

 

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