Hallo Körper, bist du das?

Deutschland ist übersäht von schäbigen Dorfwirtshäusern, mit schäbigen Wirten, schäbiger Einrichtung und schäbigem Essen.

Die Stühle aus alter Birke sind seit gut hundert Jahren mit dem selben Barock Vorhangstoff überzogen. Dort hat schon Hinz und Kunz draufgesessen. Der Pfarrer vor der Messe beim Frühfrühschoppen hatte dort gehockt und lamentiert, dass Frühschoppen die Gemeinde vergraule. „Wirtshäuser wie diese bringen die Gemeinde nicht gemein, sie sind ein Ort der Laster und der Abwesenheit von Gott!“ Dann knallte er sein Maß auf den Tisch, Bier spritzte über den Tisch und auf sein Pfaffenkleid und sickerte wenn nicht sogar in sein eigenes, mit Sicherheit aber in die Stuhlpolster zu seiner Rechten und Linken. Gleichzeitig hatte er dabei ganz schrecklich geschwitzt ob der Sünde, die er gleichwohl jeden Sonntag noch vor dem ersten Vaterunser beging. Das musste Ende der 50er Jahre gewesen sein. Und noch bis in die späten 80er kam seine Schwester in eben dieses Wirtshaus um ihre alten Vorhänge zu besuchen, die ja nun auf den Stühlen spannten. Sie sagte sie würde hier ihrem Bruder gedenken. Ich sag ja, schäbig.

Trotzdem kennt auch ihr dieses Wirtshaus. Bei eurer Oma, euren Eltern auf dem Dorf, wo man Samstag mal hingeht, zum Krapfen oder Himmel und Äd essen. Jeden mal wenn der Wirt kommt freut ihr euch ein bisschen, auf eurer fettiges Dorfessen, das man sich ja so selten gönnt und ja so lecker ist. Jedes Mal hockt ihr dort im alten Schweiß des Pfarrers und fragt euch, wann ihr denn endlich etwas zu essen bekommt. Ich esse bei dieser Gelegenheit dann immer Corden Bleu mit Spätzle, eine Spezi und zum Nachtisch Vanille Eis.

Danach geht’s mir immer locker eine Woche scheiße. Schuld daran sind die Glutene in Schweinspanade und Spätzle, die Laktose im Eis und die Glutamate in der Maggi-Fix Braten Soße. Es ist halt nicht einfach, wenn man Intoleranzen hat. Aber man lebt ja nicht ewig und manchmal muss es eben das Wirtshausessen sein. Die haben kein Vegan und das ist auch okay.

Essen polarisiert. Ich stelle heute fest, was ich vor 10 Jahren niemals festgestellt hätte, gleich welchen Alters. Essen in schäbigen Wirtshäusern ist schäbig. Und danach fühlt man sich schäbig. Hat meine Großstadt Hipster Ernährung mich zu stark sensibilisiert? Habe ich ein Problem mit Laktose? Oder liegt es schlicht daran, dass auch die Esskultur in ländlichen Gegenden bessere Tage gesehen hat und auch der einzige Koch in Bad Schnurzelheim nicht mehr eine Fix-Soße von einem Lebensmittel unterscheiden kann.

Warum reden alle immer nur übers Essen? Warum weiß mein 18-Jähriger Arbeitskollege wieviel Proteine und wieviel Gramm Eiweiß er in seinem Shake zu sich nimmt und was das mit seinem Körper macht. Warum wollen alle plötzlich eine Ernährungsberatung? Warum sind wir plötzlich alle selber Ernährungsberater? Warum haben wir vergessen, wie man isst?

Die Geschichte von der Suche nach dem Verlust des Körpergefühls fängt wohl eben dort an, wo diese Geschichte begann. In einem deutschen Wirtshaus. Wo man Fett und Zucker wie Drogen konsumieren kann. Wo man ein Glückgefühl erlebt, ein Beisammensein, ein soziales High. In Deutschland dort, in den USA vielleicht in einer McDonalds Filiale. Und wie mit jeder anderen Droge auch, lässt sich damit auch gutes Geld verdienen.

„The Founder“ erzählt die Geschichte des Branchenprimus McDonalds in einer epischen Amurica Produktion. Burgerbraten wird automatisiert, die McDonalds Brüder verkauften mehr, schneller und besser und die Menschen liebten es. Sie kamen schnell an günstiges Essen, das gut schmeckte und die überarbeitete Hausfrau entlastete. Die Kinder kamen aus dem Haus, zu Hause wartete kein Abwasch, fürs Ehebett standen die Chancen gut. Doch nie hat sich jemand gefragt, ob dieser Snack an dem Schnellstraßenparkplatz eigentlich was mit einer Mahlzeit zu tun hat, oder gar mit richtigem Essen. Zwar fühlen wir uns satt, aber nur für kurze Zeit und zwar haben wir auch salziges und Fleisch und sonstiges zu uns genommen, was gemeinhin als „vernünftig“ betrachtet wird, aber vielleicht ist das Cordenbleu aus der Tiefkühltruhe, wie der Cheeseburger nach dem Feiern nicht mehr, als eine kleine Schande für unsere Ernährung. Umbringen wird sie uns nicht, das ist falsch anzunehmen. Ebenso falsch ist es aber, sich einzubilden das hätte etwas mit Essen zu tun.

 

Das ist ungefähr so logisch, wie zu bemängeln, das Fernsehen dürfe keinen Sex, keine Drogen und keine Nacktheit zeigen, weil Kinder ja zusehen könnten. Fern von der Tatsache, dass manche Programme eben nicht für Kinder, für Erwachsene aber sehrwohl geeignet sind. Oder als würde man bemängeln, ein Bikini sei ja kein „gescheites“ Kleidesstück, was für den Abend im Restaurant sicher zu trifft, auf den Strand aber nicht. Nur weil Essen draufsteht, muss es nicht dem Anspruch gerecht werden, eine Mahlzeit zu sein.

Schlechtes Essen scheint viele für die Ewigkeit gehirngewaschen zu haben. So sehr informieren wir uns und recherchieren und lassen und einreden was gut und falsch und richtig und unrichtig für uns ist, wir haben verlernt uns zu fragen, was gutes Essen bedeutet. Wer innehält und wieder lernt eine Kartoffel ohne schlechtes Gewissen zu essen, wer sogar mal Nachtisch nimmt, mit dem Wissen, dass das zwar nicht gut, aber auch nicht schlecht sein muss, der wird vermutlich erfahren, dass es ihm wahrhaftig bessergeht. Eine Lektion, die die Vorhangfrau im Wirtshaus nicht lernen kann.

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