Ausgegendert

Als Kind bin ich furchtbar viel spazieren gegangen. Im Wald. Gezwungenermaßen. Meiner Eltern fanden, es sei eine super Sache für ein Grundschulkind, ganz viel spazieren zu gehen. So ganz abgelegt habe ich diese Angewohnheit nie, doch stellte sich mit dem Älter-werden heraus, dass ich dazu neigte, diese Wald-Sache zu romantisieren. Sicher, die Luft ist gut, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint durch die Bäume etc etc. Man kommt da schnell in einen Laufflow und genießt das wunderbare Naturschauspiel. Bis man das erste mal strauchelt. Denn von Stock auf Stein läuft es sich eben nicht gut. Man stolpert und rudert und schlittert und dann bekommt man es mit der Angst zu tun, sich doch mal richtig aufs Maul zu legen. Dann einfach weiterlaufen und auf dem Boden nach Stolperfallen ausschau halten. Das mit dem Flow hat sich dann auch erledigt und die schönen Vögel sind dann auch nicht mehr so schön.

giphy

Genauso fühle ich mich auch wenn ich einen Text lesen muss, wo gegendert wird.

Gleichberechtigung ist ja in aller Munde. Endlich tut die Gesellschaft etwas, um alle Geschlechter dort draußen Salonfähig zu machen. Schade, dass die deutsche Sprache das anders sieht. Das könnte man hinnehmen, aber ohne Gendern, keine Gleichschaltung. So einfach. Vielen Lesern ist gar nicht klar, warum es einen Unterschied macht, ob jetzt nur die Bäcker oder die Bäckerinnen zunehmend mit Vollkornmehl backt, denn casus knaxus ist ja das Mehl und nicht, was sich unter der Schürze verbirgt, aber egal. Gendern ist doch nett. Und macht Feminismus so einfach! Gott sein Dank. Einfach das *Innen anfügen, und jede(r) LeserIn fühlt sich direkt ganz doll angesprochen, wenn von veganen Leberwurstbroten und queeren Mutter-Vater-Kind spielen die Rede ist. Denn seit dem gendern leben wir alle in einer LilaLauneWelt, in der alle gleich sind. Endlich!

Ich lese schon lange nur noch Artikel, in denen gegendert wird, schließlich bin ich ja Feministin. Auf Bento, Edition F und Ze.tt habe ich seit dem wertvolle Dinge über die Welt, in der ich lebe gelernt. Oder zumindest habe ich es versucht. Denn ohne das zynisch zu meinen, aber Texte in denen gegendert wird, die verstehe ich nur ganz selten. Zum einen ist der Handlungsstrang natürlich stark gestört durch Klammern und Sternchen und Holpern und Stolpern. Aber ich bin ja schlau und kann die gekasperte Gleichstellung genauso gekonnt ignorieren, wie Martin Schulz den verliebten Blick von Sahra Wagenknecht.

Dahinter verbarg sich eine ganze spannende Welt. Auf bento habe ich dann einen Artikel mit folgender Unterzeile gefunden: Deutschland mag sich nicht Geschlechtsneutral ausdrücken. Warum eigentlich? Stimmt ja schon. Die Engländer haben das irgendwie besser drauf. Deutschland ist und bleibt einfach rückständig und altmodisch. Im Einstieg erzählt Andrea von ihrem letzten Kirchenbesuch. Der Pfarrer sagte: “Meine lieben Brüder und Schwestern”, dabei ist Andrea intersexuell. Sie sagt, sie könne einfach nicht mehr hinhören, fühlt sich missachtet und verletzt. Eine konkrete Lösung schlägt sie aber auch nicht vor. Die deutsche Sprache ist eben tückisch. Da macht es nur Sinn verletzt durchs Leben zu gehen.

Das ist natürlich ein Einzelfall, aber auch generell fühlen sich Frauen im Deutschen missachtet, heißt es weiter. Das ist richtig. Ich träume immer noch davon, einmal eine Tageszeitung zu lesen, die die Existenz der Frau nicht ignoriert. Deswegen lese ich einfach gar keine. Deswegen fällt mir der Brechtext bei Edition F auch nicht auf, ich kenne ja nichts anderes.

Abends, bevor ich einschlafe, schließe ich dann selig die Augen und stelle mir vor, wie schön die Welt doch wäre, würden alle Schreiber ihre Texte gendern. Wenn die Frau endlich nicht mehr ignoriert würde und das mit der Gleichberechtigung ein für alle mal vom Tisch ist.

Ich werde künftig einen aktiven Beitrag dazu leisten! Aber nicht in dem ich auf veraltete Geschlechterrollen hinweise oder sexistische Kackscheiße einfach von mir weise – nein! Ich werde Zeitungen anschreiben und sie bitten auch mich als Leserin zu akzeptieren. Wie das im Deutschen elegant funktionieren soll ist mir egal. Schön ist diese Welt.


Hier habt ihr auch ein Beispiel. Bitte bedient euch gerne! Gleichberechtigung ist ja für alle da!

 

Lieber Autor, liebe Autorin, liebes Autori,

Oder Moment. Das Wort Autor stülpt dem Menschen ja schon einiges über.

Lieber Schreiber, liebe Schreiberin, liebes Schreiberlein,

Hm, obwohl. Schreiben ist ja nicht alles. Die Gedankenleistung zählt ja auch. Also noch mal.

Lieber Verfasser, liebe Verfasserin, liebes Verfasserchen,

Ziemlich beunruhigt, las ich neulich Ihren/Deinen/Euren (je nachdem, ob ihr mehr der “Du”, der “Sie” oder der “pluralis majestatis” -Typ seid) Artikel (am besten hier Link einfügen). Ich möchte mich im folgenden total grundlos darüber empören, dass es mit Sicherheit mindestens ein paar Menschen dort draußen gibt, die sich, wie ich, wahnsinnig diskriminiert von diesem Text fühlen, obwohl sie ihn gar nicht gelesen haben. Und ich wende mich mit dieser Empörung an das Verfasserlein, obwohl ich ganz genau weiß, dass auch es sich nicht ausgesucht hat auf deutschem Grund und Boden geboren zu sein.

Doch bitte erwarte ich, dass es seine künstlerische Schaffensfreiheit über Board schmeißt und auf seine stylistische Genese scheißt und an jeden Titel ein *Innen anfügt. Und bitte nicht vergessen, alle Adverbien anzugleichen, es soll sprachlich ja nicht unschön werden! Denn auch es, soll bitteschön einen Beitrag für die Gleichberechtigung aller Menschen leisten, ohne ihn zu hinterfragen! Gleichberechtigung kann man nämlich nur erreichen, wenn man dort anfängt Dinge zu ändern, die überhaupt niemanden vorsätzlich ausschließen sondern nur einen und gleich machen. Dinge wie die Sprache zum Beispiel.

Und wo es schon mal dabei ist: Warum ist die Konjugation des Verbs für Neutrums maskulin? Das finde ich frech. Bitte korrigieren.

MfG.

SOB

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